»Wichtig für den Kopf«

Große Freude nach Sieg gegen Leverkusen

Es war sicherlich kein Endspiel für Borussia Mönchengladbach in Leverkusen, aber ein solches Spiel, nach dem man mit einem Erfolg die europäischen Ambitionen nachhaltig untermauern und zugleich einen Mittkonkurrenten in Schach halten konnte. Dies gelang dem VFL mit dem am Ende verdienten 2:1-Sieg gegen Bayer Leverkusen und nimmt nun nicht ‚nur' Kurs auf Europa, sondern hat die begehrten Champions League Plätze fest im Visier.

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Ausgelassene Borussen nach dem Sieg in Leverkusen. Foto: Dirk Päffgen, für Fohlen-Hautnah.de

Es lief die 88. Spielminute, als in der BayArena bei den Borussen großer Jubel ausbrach, alle Dämme brachen und sich wohl die pure Erleichterung breit machte.

Kein Wunder, denn zuvor war es der eingewechselte Igor de Camargo, der zwei Minuten vor Schluss für den längst fälligen Siegtreffer gesorgt hatte.

Und so ließ es sich selbst der ansonsten mit puren Emotionen eher haushaltende VfL-Coach Lucien Favre nicht nehmen, um von seiner Trainerbank einen beherzten Sprint über den halben Platz in Richtung Gästekurve hinzulegen, um mit seinen Spielen an der Eckfahne den Dreifacherfolg gegen die Bayer-Elf zu feiern.

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»Das war pure Freude. Und ich wollte zeigen, dass ich noch fit bin«, scherzte Favre und erläuterte seine überschwängliche Freude: »Es hat mich sehr gefeuert, dass die Mannschaft so eine Reaktion gezeigt hat. Sie hat nach vorne gespielt und wollte den Sieg. Das hat die Mannschaft gut gemacht«.

»Ich hoffe, er hat sich nicht verletzt, ich hätte mich verletzt«, schloss sich Max Eberl dem Jubellauf lieber nicht an, sondern freute sich von der Trainerbank aus. »Natürlich freut es aber auch den Trainer, wenn du auch so ein Spiel gewinnst, das auf Messerschneide stand«. Und wer davon seinen Emotionen derart freien Lauf lässt, ist sicherlich kein Trainer, der aktuell irgendwelche Abwanderungsgedanken hegt ...

»Ich habe es erst gar nicht gesehen, weil ich an der anderen Eckfahne war«, hatte Marco Reus seinen jubelnden Coach erst gar nicht registriert. »Die Saison geht langsam zu Ende und von daher war es sehr wichtig, gegen einen direkten Konkurrenten zu gewinnen. Das hat man dann an dem Jubel des Trainers gesehen«.

Doch eh es soweit war und sich die Borussen verdient in den Armen liegen konnten, hatten sie in den Spielminuten zumindest im Bezug auf die spielerische Komponente zuvor zwei Gesichter gezeigt und einiges an Arbeit zu verrichten. »Der Trainer hat immer wieder betont und hat uns eingetrichtert, dass wir hier hin fahren, um zu gewinnen. Das wollten wir auch«, untermauerte Martin Stranzl.

»Wir haben die ganze Woche davon gesprochen, das wir hier hinfahren um zu gewinnen, Punkt. Es ist leicht, das heute zu sagen, aber wir wollten das«, hatte Favre den 200. Bundesliga-Auswärtssieg fest im Visier.

Und zunächst gingen die Borussen auch entschlossen in die Partie, zeigten Siegenwillen und suchten mit ansehnlichen Kombinationen den Zug vor das Tor. Gerade einmal sieben Minuten waren gespielt, da nutzten sie die erste gute Möglichkeit, um sich durch Marco Reus in Führung zu bringen.

Borussias Rakete nutzte einen Patzer von Schwaab, zündete blitzschnell und versenkte das Leder an Bayer-Keeper Leno vorbei in den Maschen. Ein schönes Tor, das Favre gar nicht so mitbekommen hatte. »Ich muss sagen, dass wir früh und unerwartet geführt haben. Das Tor habe ich aber nicht gesehen, weil ich den Kopf unten hatte«, erklärte der VfL-Coach, der sich in dem Moment wohl Notizen gemacht hatte.

Ein Auftakt nach Maß für den VfL, der ihm natürlich in die Karten spielte. »Ich denke, dass wir vor allem in der ersten halben Stunde guten Fußball gespielt haben«, meinte Filip Daems. »In der ersten halben Stunde haben wir das Spiel dominiert. Da denke ich, waren wir die klar bessere Mannschaft«, stimmte Max Eberl zu. »Wir waren ballsicher und machen das Tor. Das hat natürlich Sicherheit gegeben«.

Und Borussias Sportdirektor lag durchaus richtig. Denn fortan galoppierten die Fohlen zunächst mit breiter Brust nach vorne und hatten das Geschehen im Griff. Allerdings lediglich in den ersten 25 Minuten. Dann nämlich gaben die Fohlen das Heft mehr und mehr aus der Hand und brachten die Werkself durch unnötige Ballverluste in Schwung.

»Ich glaube, dass wir sehr gut angefangen haben. Die ersten 15 Minuten waren absolut in Ordnung«, befand Stranzl und musste gleichzeitig zugeben: »Danach haben wir ein bisschen den Nachdruck sowie den Zug zum Tor vermissen lassen und haben zu sehr auf Ball halten gespielt«.

»Wir haben von Anfang an besser gespielt. Aber nach 25 Minuten war Leverkusen besser«, sagte Favre. »Sie haben mit viel Risiko nach vorne gespielt und haben viel Druck gemacht. Und das auch durch lange Bälle zu Kießling, der viele Freistöße herausgeholt hat«.

Eigentlich völlig unerklärlich, hatte man dich mit der Führung im Rücken eine gute Ausgangsposition und die Nase vorn. »Ich weiß nicht, was das los war«, zuckte Stranzl mit den Schultern. »Das werden wir sicherlich noch mal ansprechen. Da muss man weiter dran bleiben«.

Doch gerade auch weil Leverkusen offensiv nicht viel zu bieten hatte, um die Borussen in arge Bedrängnis zu bringen, nahem sie den knappen Vorsprung mit in die Kabine. Und diesen versuchten die Borussen auch nach dem Seitenwechsel zunächst zu verwalten und lauerten auf Konter.

Und mit einem solchen hätten die Borussen nach etwas über einer Stunde für so etwas wie eine Vorentscheidung sorgen können, doch Reus scheiterte am, starken Leno. »Ich habe den Ball einfach falsch getroffen, den muss ich anders chippen«, ärgerte sich der Nationalspieler. »Das hat nicht geklappt. Beim nächsten Mal probiere ich das anders«.

Und manchmal kommt es dann auch anders, als man denkt. Eine Viertelstunde vor Schluss kamen die Gastgeber, bezeichnend nach einer Standardsituation, zum verdienten Ausgleich. Nach einem Freistoß und dem anschließenden Kopfball von Kadlec konnte Marc-André ter Stegen das Leder nicht festhalten, Kießling nutze den Rebound und vollendete zum 1:1.

Sicherlich ein Fauxpas von Borussias Nummer eins, den dessen Trainer zu Recht aber nicht zu sehr an die große Glocke hängen wollte. »Der Ball wurde mehrmals verlängert. Das kann passieren. Er hat bis jetzt so viel für die Mannschaft getan«, sagte Favre und nahm seinen Torhüter in Schutz: »Marc ist nicht der alleinige Schuldige. Da gehören alle zu. Der Freistoß hätte schon gar nicht passieren dürfen. Das habe ich Dante auch direkt gesagt«.

Passieren dürfen bzw. müssen hätte dies in der Tat nicht, doch die Borussen agierten gegen spielbestimmende Leverkusener bis zu diesem Zeitpunkt viel zu passiv. »In der zweiten Halbzeit haben wir nicht gut gespielt. Da hatten wir zu viele einfache Ballverluste«, monierte Filip Daems.

»Ich weiß nicht, ob wir zu viel Angst hatten. Ich kann es nicht sagen«, suchte Reus nach Erklärungen. »Wir haben keinen richtigen Druck drauf bekommen. Das müssen wir analysieren, denn so hatten wir uns das nicht vorgestellt«.

Hat die Mannschaft wohlmöglich im Hinblick auf den Pokalhit gegen den FC Bayern einen Gang runter geschaltet? »Nein, nein, nein, vergessen Sie es«, wiegelte Max Eberl dahingehend die Frage eines Journalisten ab. »Du kannst in einem Spiel keine Kräfte schonen - in der Bundesliga schon mal gar nicht«.

»Und in Leverkusen bei einer Mannschaft, die letzte Saison Vizemeister war und Champions League gespielt hat, hast du alles in die Waagschale zu werfen. Das haben wir ab 30. Minute nicht mehr so gut gemacht«, so der Sportdirektor weiter. »Wir haben zwar viele Bälle erobert, aber direkt wieder verloren. So hat Leverkusen den Druck aufgebaut, ohne dass sie zwar klare Torchancen, aber immer wieder Schüsse hatten«.

Einen Moment lang musste man dann nach dem Ausgleich Schlimmeres befürchten, doch die die Borussen steckten nicht den Kopf in den Sand und versuchten den einen Punkt mit über die Zeit zu retten, sondern legten nochmal einen Zahn zu und wollten den Sieg, den sie dann auch zwei Minuten vor Schluss erreichten. »Die Reaktion der Mannschaft war fantastisch. Leverkusen wollte unbedingt das 2:1. Davon haben wir profitiert und sehr gut gespielt«, fand Favre zu Recht lobende Worte. »Die Mannschaft wollte unbedingt gewinnen. Das hat sie gut gemacht und zusammen erreicht. Ich bin sehr zufrieden, denn der Sieg war auch sehr wichtig für unseren Kopf«.

»Von der 30. bis gefühlt zur 70., ja eigentlich bis zum Tor, haben wir etwas den Faden verloren. Dann ist es natürlich eine große Leistung, so wieder in das Spiel zurückzukommen, dich fußballerisch zu befreien und dann noch das Siegtor zu machen«, strahlte Max Eberl.

»Das Spiel stand auf Messerschneide und hätte zu beiden Seiten ausschlagen können. Aber in der Summe hatten wir die klareren Torchancen und haben sie relativ kalt genutzt. Deswegen ist der Sieg auch nicht unverdient«, so Borussias Sportdirektor weiter.

»Mit unserer Leistung nach den ersten 30 Minuten können wir nicht zufrieden sein. Gott sei Dank haben wir am Ende drei Punkte geholt. »Es war ganz wichtig für uns, dass wir heute gewonnen haben«.

Und mit dem 200. Bundesliga-Auswärtssieg haben die Borussen nunmehr 51 Punkte auf der Habenseite und nehmen weiterhin nicht ‚nur' mit riesen Schritten Kurs auf Europa, sondern auch auf die Champions League.

So langsam aber sicher kann man bei elf Punkten Vorsprung auf Platz fünf und fünfzehn auf Platz sieben die in den letzten Jahren eher schwarzen Flecke auf dem Globus wieder sichtbar machen und von Europa sprechen. »Nein. Ihr werdet das wieder tun, wir aber nicht«, meinte Marco Reus im Bezug auf die dahingehend fragenden Journalisten und will davon weiterhin noch nichts wissen. »Natürlich war der Sieg vor allem deshalb sehr wichtig, weil wir heute in der zweiten Halbzeit nicht gut gespielt haben. Aber wir hatten heute das Glück auf unserer Seite und das gibt natürlich sehr viel Selbstvertrauen«.

»Heute haben wir drei Punkte geholt und wir freuen uns natürlich irrsinnig, dass der Vorsprung auf die Konkurrenten größer geworden ist. Wenn wir das beibehalten, dann sind wir drin«, sagte Stranzl.

»Sicher ist es erst, wenn man es uns nicht mehr nehmen kann. Unsere Ausgangsposition ist gut, aber es sind noch acht Spiele«, stimmte Filip Daems zu. »Heute war es wichtig, dass wir nach drei sieglosen Spielen wieder gewonnen haben und mit einem Dreier nach Hause fahren«.

»Wir haben jetzt 51 Punkte, müssen ruhig bleiben und wollen weiter Spiel für Spiel nehmen. Das nächste Spiel in der Meisterschaft ist Hoffenheim. Es wird enorm schwer, weil sie zweimal hintereinander verloren haben und eigentlich schon gerettet sind. Diese Situation ist immer gefährlich«, warnt Favre vor dem kommenden Gegner in der Bundesliga.

Doch ehe sich die Borussen auf das kommende Heimspiel vorberieten, liegt der Fokus auf dem Pokalhit gegen den FC Bayern München. »Ich denke jetzt an Bayern München und freue mich auf ein Pokal-Halbfinale im Borussia-Park«, entgegnete Eberl der Frage, ob man nun an die Champions League denkt.

Und man tut gut daran, sich nun in den kommenden drei Tagen erstens zu regenerieren und sich akribisch auf den deutschen Rekordmeister vorzubereiten, der aktuell die Gegner förmlich überrollt. »Am Mittwoch kommt das nächste schwere Spiel. Da freuen wir uns riesig drauf und deshalb bleibt nicht viel Zeit, die drei Punkte zu genießen«, legte Stranzl deshalb bereits die Blicke auf das Halbfinale im DFB-Pokal.

»Das wird ein ganz anderes Spiel gegen einen FC Bayern, der richtig gut drauf ist. Es wird nicht einfach«, ist sich auch Filip Daems der Aufgabe bewusst. »Da müssen wir noch eine Schippe drauf legen und besser spielen, wenn wir sie schlagen wollen. Aber wir spielen zuhause, sind dort stark und gut drauf. Das wollen wir am Mittwoch zeigen und natürlich gerne ins Finale einziehen«.

Und bis dahin hat dann auch Dante Zeit, um den allseits bekannten Spruch, der da lautet „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", nach Schlusspfiff hoffentlich locker von den Lippen zu rufen. »Ich muss den Spruch noch lernen«, grinste der Brasilianer. »Aber es ist ganz klar, wir wollen nach Berlin. Das ist unser Ziel. Wir müssen am Mittwoch mit den Fans zusammen alles geben, um nach Berlin zu fahren«. Und mit dem getankten Selbstvertrauen und der Heimstärke im Rücken ist das durchaus im Bereich des Machbaren.

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