Interview mit Hans-Günter Bruns Teil I: »Die Jugendarbeit muss unser Weg sein«
Der 54-jährige arbeitet bei Rot-Weiß Oberhausen als sportlicher Leiter
Andreas Plum
Am kommenden spielfreien Bundesligawochenende tritt Borussia Mönchengladbach zum Testspiel beim Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen an. Während es dabei auch ein Wiedersehen mit noch drei aktiven Ex-Borussen geben wird, so ist mit Hans-Günter Bruns ein weiterer ehemaliger Borusse in den Reihen der Kleeblätter. Der heute 54-jährige spielte 1978 und von 1979 bis 1990 insgesamt zwölf Jahre für die Fohlenelf und wurde im Anschluss im Jahr 2000 in die Jahrhundertelf der Borussia gewählt. Vor der Partie sprachen wir mit dem heutigen sportlichen Leiter von Rot-Weiß Oberhausen.
Fohlen-hautnah: Guten Tag Herr Bruns. Am kommenden Freitag treffen ihr aktueller Verein Rot-Weiß Oberhausen und ihr ehemaliger Verein Borussia Mönchengladbach aufeinander. Wie kam dieses Spiel zustande?
Hans-Günter Bruns: Ich hatte vor längerer Zeit schon mal mit Michael Frontzeck gesprochen. Wir wollten schon im Oktober gegeneinander antreten, aber da hat es leider nicht geklappt. Diese Tage habe ich dann noch mal mit Steffen Korell gesprochen, und wir konnten uns auf diesen Termin einigen. Ich freue mich auf das Spiel.
Fohlen-hautnah: Kam dieses Spiel also auch aufgrund ihrer Verbundenheit und ihrer noch guten Beziehungen zur Borussia zustande?
Hans-Günter Bruns: Es ist ja aus meiner Zeit kaum noch einer da. Der Michael ist ja nun wiedergekommen. Ansonsten ist nur noch Uwe Kamps da. Das sind so die letzten Verbliebenen aus meiner aktiven Zeit. Ansonsten kennt man Max Eberl und Steffen Korell natürlich aus beruflichen Gründen.
Fohlen-hautnah: Kommen wir zunächst zu ihrem aktuellen Verein Rot-Weiß Oberhausen. Sie haben nach Ihrer erfolgreichen Trainertätigkeit im vergangenen Jahr den Trainerstuhl gegen den des sportlichen Leiters eingetauscht. Was hat Sie dazu bewogen?
Hans-Günter Bruns: Ich kam ja nach Oberhausen, als die Mannschaft in der Oberliga spielte. Die Mannschaft und der Verein waren da praktisch am Tiefpunkt angelangt. Der Verein stand vor dem Ruin und es war keine richtige Mannschaft mehr vorhanden. Das war für mich der Anreiz, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich konnte da etwas aufbauen.
Wir sind dann von der Oberliga direkt in die Regionalliga aufgestiegen. Dann hatten wir zunächst das Ziel, uns für die 3.Liga zu qualifizieren. Wir sind dann aber erneut aufgestiegen und das war dann für mich der Grund aufzuhören. Dass war das, was ich als Trainer erreichen konnte.
Ich habe 30 Jahre Trainer gemacht. Ich habe ja schon zu meiner aktiven Zeit bei der Borussia damit angefangen. Jupp Heynckes hat mir damals immer erlaubt nebenher Trainer zu sein. Ich habe dann auch ganz bewusst in allen Ligen mal trainiert. Also bis runter zur Kreisliga B. Ich finde, dass man auch nur dann das Gefühl bekommt, was es heißt, Trainer zu sein. Oberhausen hat mir dann das Angebot gemacht, sportlicher Leiter zu werden. Das habe ich dann angenommen.
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Fohlen-hautnah: Haben Sie somit auch die Trainer-Lizenz und kommt eine Trainertätigkeit grundsätzlich noch mal für Sie in Frage?
Hans-Günter Bruns: Genau. Ich habe die Fußball-Lehrer-Lizenz. Man soll im Fußball bekanntlich nie, nie sagen aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht allzu hoch. Ich bin da ein anderer Trainertyp. Der ganze bezahlte deutsche Fußball ist heutzutage schon ein anderer. Also ich würde da auch nie tätig sein, wenn es jetzt nicht bei RWO wäre.
Gerade die Medienlandschaft ist im Gegensatz zu der Zeit, als ich aktiv war, schon unfassbar. Aus meiner Sicht ist da wenig Positives. Es wird alles unglaublich hoch gehängt. Jedes Spiel, das man verloren hat, ist ein Debakel, eine Blamage oder eine Pleite. Dabei ist das einfach nur ein verlorenes Spiel.
Fohlen-hautnah: Haben Sie sich nach ihrer Trainertätigkeit auch bei anderen Vereinen hospitiert und sich vielleicht auch bei ihrem ehemaligen Mitspieler und heutigen erfolgreichen Bremer Manager Klaus Allofs Ratschläge für die neue Aufgabe geholt?
Hans-Günter Bruns: Nein. Ratschläge geholt und/oder hospitiert habe ich nicht. Das habe ich auch ganz bewusst nicht gemacht, denn ich bin Hans-Günter Bruns und nicht Klaus Allofs oder irgendjemand anders. Ich setzte die Dinge um, die eben Hans-Günter Bruns umsetzten will.
Ich habe achtzehn Jahre Profifußball gespielt, war 30 Jahre Trainer und habe somit genug Erfahrung. Das reicht vollkommen aus, um einen vernünftigen Job zu machen. Ich weiß, wie es im Fußball funktionieren sollte. Wenn man dann die Dinge, die man im heutigen Fußball nicht machen sollte, ausklammert, dann glaube ich, dass man schon auf einem richtigen Weg ist. Man muss da nicht auf jeden Zug sprechen.
Fohlen-hautnah: Sie haben nach ihrer aktiven Karriere zunächst eine Versicherungsagentur betrieben. Ist diese trotz ihrer jetzigen Tätigkeit noch existent?
Hans-Günter Bruns: Ja, die habe ich noch. Die wird jedoch im Moment von einer befreundeten Agentur mit betrieben. Man kann das so im weitesten Sinne als zweites Standbein sehen, aber ich möchte auch weiterhin dem Fußball verbunden bleiben.
Fohlen-hautnah: Schon in ihrer aktiven Karriere haben sie als Kapitän bei der Borussia Führungsaufgaben übernommen. Mittlerweile sind Sie vom Trainer zum sportlichen Manager aufgestiegen. Hat ihnen die damalige Führungsrolle für ihre heutige Aufgabe etwas mit auf den Weg gegeben und wie sehen Sie heutige die Aufgabe des Kapitäns?
Hans-Günter Bruns: In gewisser Weise schon. Ich glaube, dass man früher als Führungsspieler, sei es mit oder ohne Kapitänsbinde, viel mehr Einfluss hatte als das heute der Fall ist. Ich kann das zwar heute lediglich aus der Distanz sagen und ich weiß es auch nicht, aber ich habe für mich so das Gefühl, dass die Mannschaftskapitäne heute lediglich für die Seitenwahl zuständig sind.
Ich kann es zwar nicht beurteilen ob es so ist, aber es ist alles irgendwie weichgespült. Das war eben zu meiner aktiven Zeit nicht so. Ich hatte zwar Trainer wie Jupp Heynckes, der natürlich total auf Disziplin geachtet hat, der aber auch Spieler, die Verantwortung getragen haben, ganz klar gefördert und auch geschützt sowie unterstützt hat. Das, so glaube ich, gibt es heute kaum noch.
Fohlen-hautnah: Sie sind derzeit mit recht bescheidenen Mitteln äußerst erfolgreich. Was macht den derzeitigen Erfolg in Oberhausen aus?
Hans-Günter Bruns: Wir sind nicht über die einzelnen Spieler, sondern als Kollektiv sehr, sehr stark und erfolgreich. Dass ist das, was uns ausmacht. Mittlerweile können wir auch Fußball spielen und die Mannschaft entwickelt sich weiter. Das ist das Positive.
Wenn man dazu noch bedenkt, dass die Hälfte unseres jetzigen Kaders schon in der Oberliga bei uns gespielt hat, dann ist das schon eine sehr schöne Sache. Wir haben also eine kompakte Mannschaft, die schon über Jahre hinweg zusammenspielt, und die wir punktuell verstärken.
Dabei leben wir auch von Spielern, die es bei höheren Vereinen nicht geschafft haben. Zum Beispiel sind Daniel Gordon von Dortmund II, Markus Heppke von Schalke 04 II und Heinrich Schmidtgal von Bochum II zu uns gekommen, und spielen nun in der 2.Bundesliga eine sehr gute Rolle.
Fohlen-hautnah: Sie setzten also überwiegend auf Spieler der zweiten Reihe. Gibt es bei Rot-Weiß Oberhausen auch eine Scoutingabteilung oder scouten überwiegend Sie?
Hans-Günter Bruns: Wir haben eine ganz, ganz kleine Scoutingabteilung, die ich in Zusammenarbeit mit unserem Trainer koordiniere. Wir haben einen festen Scout, mit dem wir dann gemeinsam mit unseren Trainern und Co-Trainern scouten. Für den unteren Bereich, sprich U23 abwärts, haben wir dann noch einen zusätzlichen Scout.
Das ist es dann aber auch schon. Wir machen das alles eher in Eigenregie und verlassen uns da lieber auf uns selber, als auf andere Leute.
Fohlen-hautnah: Stichwort Jugend. Sie kennen nun noch die Strukturen am alten Bökelberg. Mittlerweile hat die Borussia ein von der DFL ausgezeichnetes Jugendleistungszentrum sowie ein wettbewerbsfähiges Stadion. Auch Rot-Weiß Oberhausen ist im Begriff, ein neues Stadion sowie ein Leistungszentrum zu errichten. Wie wichtig ist da gerade bei RWO die Jugendarbeit?
Hans-Günter Bruns: Die Jugendarbeit muss unser Weg sein, denn wir werden hier wahrscheinlich nie die Möglichkeiten haben, sponsorenmäßig so zuzulegen, wie das in der Bundesliga möglich ist. Deshalb führt unser Weg über eine gute Jugendarbeit.
Man muss dabei ja vor allen Dingen auch berücksichtigen, wo wir uns in Oberhausen befinden. Wir sitzen hier zwischen den ganz dicken Brocken FC Schalke 04, Borussia Dortmund, VFL Bochum und MSV Duisburg. Dazu sind Mönchengladbach und Düsseldorf auch nicht allzu weit entfernt.
Auch deshalb ist es für uns unglaublich schwer, Spieler zu verpflichten. Im Grunde genommen bekommen wir immer nur die Jungs ab, die diese Vereine nicht wollen und nicht für gut genug befinden. Da ist es also gerade im Jugendbereich schwierig für uns.
Ansonsten ist es jedoch bei uns mittlerweile schon so, dass sich einige Spieler von sich aus bei uns melden, weil sie bei uns eher die Chance sehen, spielen zu können. Wir haben ja eine sehr junge Mannschaft und bei uns bekommen gerade auch junge Spieler die Chance zu spielen. Denn wir haben die eindeutige Philosophie, dass bei uns der jüngere Spieler spielt, wenn er gleichstark mit dem Älteren ist.
Fohlen-hautnah: Wie ist kann man dann einen Jugendspieler überzeugen, bei RWO zu spielen?
Hans-Günter Bruns: Natürlich in erster Linie damit, dass er bei uns auch zu mehr Einsätzen kommt. Jeder, der sich als junger Spieler ein bisschen mit Rot-Weiß Oberhausen beschäftigt sieht, dass der Weg sehr kurz sein kann, um erfolgreich Fußball zu spielen.
Was bei uns mit Sicherheit nicht geht ist, über das Geld Fußball zu spielen. Da gibt es im bezahlten Fußball weitaus mehr und andere Mannschaften, wo das machbar ist. Wir legen da bei einer Verpflichtung immer noch wert auf altertümliche Dinge.
Jeder Spieler wird da bei uns akribisch und in mehreren Gesprächen ausgesucht. Wir können da mit Stolz sagen, dass wir bei derzeit 25 Spielern in unserem Kader keinen haben, der charakterlich nicht zu uns passt. Denn Fehlschüsse können wir uns nicht erlauben.
Fohlen-hautnah: In wie weit sind da in diesem Bezug die Planungen für das Jugendleistungszentrum fortgeschritten?
Hans-Günter Bruns: Ein Leistungszentrum ist ja nicht nur einfach ein Gebäude, sondern eine Ansammlung von Kadern, sprich von der E-Jugend bis zur A-Jugend. Da sind wir eigentlich im Großen und Ganzen gut aufgestellt.
Natürlich ist haben wir noch nicht die Bedingungen, mit denen wir so arbeiten können, wie es eigentlich angebracht wäre. Derzeit haben wir einen Rasenplatz für die erste Mannschaft und zwei Aschenplätze für die Jugendmannschaften. Da müssen wir natürlich zulegen. Da arbeiten wir dran, denn das ist auch die Grundlage, um erfolgreich arbeiten zu können.
Fohlen-hautnah: Sie sind in ihrer Karriere vom Bundesligisten FC Schalke 04 in die damalige zweite Liga Nord zu der SG Wattenscheid 09 gewechselt. Sie machten also zunächst einen Schritt zurück, um dann erfolgreich einen nach vorne zu machen.
Würden Sie das gerade auch jungen Talenten, die in der Bundesliga zunächst nicht zu ausreichend Einsätzen kommen, in der heutigen Zeit empfehlen?
Hans-Günter Bruns: Ich glaube, dass das für viele Spieler gut wäre. Nur heutzutage will kaum noch ein Spieler einen Schritt zurück machen, um dann wieder nach vorne zu kommen. Heute haben gerade einige junge Spieler so viele Flausen im Kopf, dass sie schon meinen, sie haben das Fußballspielen erfunden, wenn sie mal ein oder zwei Jahre bei einem Bundesligaclub sind. Das sind Spieler, die wir in Oberhausen mit Sicherheit nicht suchen. Deshalb haben wir für unsere Verhältnisse auch sehr viel Erfolg.
Diesen Schritt zu machen, ist mit Sicherheit nicht grundsätzlich jedem Spieler zu empfehlen. Es gibt mit Sicherheit viele Spieler, die Ausnahmetalente sind, und die es auf Anhieb schaffen können, sich in der Bundesliga durchzusetzen.
Ich würde aber sagen, dass es bei 60 bis 70 Prozent der Spieler, die sich im Bereich der 1. Bundesliga tummeln, angebracht wäre, den Weg über die 2. Bundesliga zu suchen um überhaupt mal zu sehen, ob man genügend Qualität hat.
Fohlen-hautnah: In ihrem Kader befinden sich derzeit drei Ex-Borussen. Zwei davon stehen stets im 18er- Kader für die Ligaspiele. Wie beurteilen sie diese Spieler?
Hans-Günter Bruns: Benjamin Schüßler hat im Moment etwas schlechtere Karten, weil sich eben gerade die jungen Spieler durchgesetzt haben. Da ist es für ihn natürlich dann derzeit super schwer.
Bei Daniel Embers ist es so, dass er eine längere Verletzung hinter sich hat und wieder dabei ist. Christoph Semmler wird jetzt wieder ins Training einsteigen. Vielleicht klappt es gegen seinen ehemaligen Verein Borussia mit einem Einsatz.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, was Hans-Günter Bruns unter Anderem zu seiner aktiven Zeit bei Borussia Mönchengladbach zu sagen hat.
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