Dietmar Hirsch: »Polanski? …Dann muss man ein guter Trainer sein«

Ex-Borusse Dietmar Hirsch trifft mit Bocholt auf die U23 der Fohlen. Foto: picture alliance / firo Sportphoto | Jürgen Fromme

Von 1993 bis 1995 spielte Dietmar Hirsch für Borussia Mönchengladbach. In dieser Zeit schnürte er in 22 Bundesligaeinsätzen die Schuhe für die Fohlenelf. Aktuell ist der UEFA-Pro-Lizenz-Inhaber von Regionalliga West-Spitzenreiter 1. FC Bocholt. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 51-Jährige über seine Aufgabe in Bocholt, das kommende Duell mit Borussias U23, seine Zeit bei der Borussia und seine weiteren Ziele.

Fohlen-hautnah: Didi, nach 16 Spieltagen steht der 1. FC Bocholt mit 36 Punkten an der Tabellenspitze. Und das vor favorisierten Teams wie Wuppertal, Aachen, Fortuna Köln und Oberhausen. Wenngleich das natürlich nur eine Momentaufnahme ist, lügt die Tabelle bekanntlich nicht…

Dietmar Hirsch: Sicherlich nicht. Das war vor der Saison so nicht vorhersehbar, aber wir sind im Moment sehr stabil.

Fohlen-hautnah: „Eine Mannschaft ist für mich eine Ansammlung von Spielern, die da sind. Daraus muss ich als Trainer ein Team machen, das auf dem Platz alles füreinander gibt. Ich glaube schon, dass Spieler ab und an mal rausgucken und denken: Für wen renne ich da eigentlich?“, schreibst du in deiner Biographie. In Bocholt scheinst du genau das geschafft zu haben.

Dietmar Hirsch: Das bin ja nicht nur ich alleine. Wir sind ein sehr gutes Trainerteam und sehr homogen. Und das merken eben auch die Spieler. Wir haben innerhalb der Mannschaft einen starken Zusammenhalt. Das sieht man dann auch auf dem Platz. Wie sich die Jungs dann auch in der Kabine gefunden haben und zusammengewachsen sind, das ist nicht immer nur die Sache vom Trainer. Wir haben gute Jungs, die das in die Hand genommen haben. Wenngleich es natürlich eine Hierarchie gibt, so darf jeder auch seine Meinung sagen. Die ganzen Erfolge tragen dann natürlich auch dazu bei, dass sich alles so positiv entwickelt hat.

Fohlen-hautnah: Schließlich hast du 18 Neuzugänge integrieren müssen…

Dietmar Hirsch: Das war von Beginn an relativ einfach. Wir konnten früh in die Planung für die Saison gehen und hatten eine gute Vorbereitung. Zudem haben wir Spieler, die einen Top-Charakter haben. Man muss die Situation in Bocholt annehmen und sich mit den Bedingungen, die nicht so sind wie zum Bespiel in Aachen, Wuppertal oder auch Oberhauen, identifizieren. Das wollten und konnten all unsere Spieler. Das beste Teambuilding sind Erfolge. Wir haben die ersten beiden Spiele gewonnen und dann haben die Spieler auch daran geglaubt, was wir gesagt haben und wollen. 

Fohlen-hautnah: 36 Punkte nach 16 Spielen, Platz 1, 27:15 Tore und mit 15 Gegentoren die drittbeste Abwehr. Dazu in Neuzugang Malek Fakhro den zweitbesten Torschützen der Liga. Erkläre mal euren derzeitigen Erfolg…

Dietmar Hirsch: Meine Mannschaft hält auf und neben dem Platz zusammen. Wenn man sieht, mit welcher Intensität die Jungs auf dem Platz gegen den Ball arbeiten, dann ist das der Schlüssel. Es gibt viele Mannschaften, die viele starke Offensivspieler in ihren Reihen haben, die aber nicht gerne nach hinten arbeiten. Das musst du aber im heutigen Fußball. Du musst auch als Angreifer anlaufen und gegen den Ball arbeiten. Das macht auch  Malek Fakhro. Ich messe ihn nicht unbedingt nur an den Toren sondern eben auch daran, wie er vorne anläuft und gegen den Ball arbeitet. Das zieht sich durch das ganze Team. Jeder ist für den anderen da und das macht den Erfolg aus. Zudem haben wir unsere Formation gefunden. Dennoch wird jeder gebraucht. Auch die, die unzufrieden sind. Ich war selbst Spieler und weiß, wie das ist. 

Fohlen-hautnah: Nach dem ihr in der vergangenen Spielzeit lange um den Klassenerhalt kämpfen musstest, fehlen euch nach 16 Spielen noch vier Punkte, um die magische Grenze zu erreichen. Ihr habt euch für die Lizenz der 3. Liga beworben. Das Ziel kann ja dann angegangen werden…

Dietmar Hirsch: Wir sind aktuell oben dabei und wollen das natürlich so lange wie möglich bleiben. Wenn wir dann am Ende auch noch da oben stehen, dann werden wir uns nicht gegen den Aufstieg wehren. Im Fußball kann man aber nichts planen. Wir genießen das jetzt und sind stolz und glücklich, dass uns der Verein da so unterstützt. Wir konzentrieren uns immer nur auf die nächste Aufgabe und wollen jedes Spiel gewinnen. Dann wird man sehen, wofür das unter dem Strich gereicht hat.

Fohlen-hautnah: Der Verein hat also ambitionierte Ziele, die sich mit deinen decken?

Dietmar Hirsch: Ich persönlich wollte nach all den Jahren im Norden wieder zurück in die Heimat nach Nordrhein-Westfalen und auch mal im Westen einen Verein übernehmen. Beides ist mir mit der Aufgabe in Bocholt gelungen. In Bocholt hat man die Ambitionen, alles noch professioneller aufzustellen und man will eine hungrige Mannschaft aufbauen. All das hat mich an der Aufgabe gereizt. Ich möchte mithelfen, dass sich der Verein weiterentwickelt. Aber wir gehen Schritt für Schritt und sind auf einem guten Weg. Wir sollten den Moment schon mitnehmen und genießen aber dennoch demütig sein und weiter hart arbeiten. 

Fohlen-hautnah: Du bist seit fast einem halben Jahr am Hünting. Haben sich deine Erwartungen/Wünsche bis hier hin erfüllt und wie fällt dein bisheriges Fazit aus?

Dietmar Hirsch: Wenn man auf die Tabelle schaut, dann geht es natürlich nicht besser. Ich habe ja schon betont, warum wir da oben stehen. Wir sind ein homogenes, klasse Team und alle im Verein sind sehr fleißig und halten zusammen. Wenn das alle tun und an einem Strang ziehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, erfolgreich zu sein. So gut hätte ich es mir nicht zwingend ausgemalt, aber natürlich bin ich im Moment sehr glücklich und stolz auf den Verein und die Truppe. Es macht großen Spaß.

Fohlen-hautnah: Gerade Zuhause seit ihr eine Macht. Ihr habt noch kein Spiel verloren und habt auch nur 4 Gegentreffer in 8 Spielen kassiert. Auch das ist ligaspitze…

Dietmar Hirsch: Am Hünting herrscht eine besondere Atmosphäre. Es ist ein enges Stadion und die Zuschauer kommen jetzt auch vermehrt. Wir werden wahrgenommen, Und wenn du 3.000 Zuschauer am Hünting hast, dann ist das schon so wie 20.000 Zuschauer am Aachener Tivoli. Es herrscht gerade ein sehr gutes Zusammenspiel zwischen meiner Mannschaft und den Fans auf den Rängen und umgekehrt. Das puscht natürlich.

Fohlen-hautnah: In Bocholt hast du zunächst einen Vertrag für eine Spielzeit unterschrieben. Gab/gibt es schon Gespräche über eine Verlängerung?

Dietmar Hirsch: Ich denke, dass wir uns da Anfang des Jahres zusammensetzen und sprechen werden. Das Trainingslager bietet dazu auch eine gute Gelegenheit. Auf jeden Fall ist es so, dass ich mich in Bocholt sehr wohl fühle.

Fohlen-hautnah: Du hast gesagt, dass du noch ein junger Trainer bist. Du hast unter einigen und verschiedenen Trainern gespielt. Von wem hast du dir am meisten mitgenommen und hast du da auch ein Vorbild?

Dietmar Hirsch: Ganz klar Friedhelm Funkel. Ich habe fünf Jahre unter ihm gespielt. Er hat mich als Mensch und Spieler geprägt. Von ihm habe ich am meisten mitgenommen. Friedhelm ist sehr menschlich, sehr offen und ist transparent mit den Spielern umgegangen. Er hat sich viel mit Spielern ausgetauscht und sie mitgenommen. Deshalb hatten wir auch damals in Duisburg so einen Erfolg mit einer Mannschaft, die vom Papier her vielleicht nicht die besten Einzelspieler hatte, die aber vom Kollektiv gelebt hat. So ähnlich wie wir jetzt in Bocholt. Wir haben uns mit dem Ruhrpott und dem Klub identifiziert und Friedhelm hat das top moderiert. Es hat einfach gepasst.

Fohlen-hautnah: Als was für einen Typ Trainer würdest du dich beschreiben?

Dietmar Hirsch: Ich würde schon sagen, dass ich sehr kommunikativ bin. Ich möchte auch wissen, wenn Spieler Probleme haben. Denn kann ich es einfach besser einordnen, wenn ein Spieler mal schlecht trainiert hat. Du musst gut moderieren können und brauchst im Umgang mit den Spielern auch ein gutes Trainerteam. Ich musste als Spieler hart arbeiten und das verlange ich von meinen Spielern auch. Ich glaube auch, dass viele von meinen Spielern mehr Talent haben als ich, aber ich versuche ihnen vorzuleben was es heißt, so richtig in den Profibereich zu kommen. Ich denke, der fängt in der 3. Liga an. Wir sind nur noch eine Liga davor. Fußballprofi zu werden heißt viel Verzicht und sehr viel an sich arbeiten. Das versuche ich den Jungs zu vermitteln.

Fohlen-hautnah: Heißt es denn „Hey Trainer“, „Herr Hirsch“ oder „du“?

Dietmar Hirsch: Trainer und du. Ich finde, Respekt hat nichts mit der Ansprache zu tun. Den erarbeitet man sich eher im Umgang mit den Spielen und da gibt es keine Probleme.

Fohlen-hautnah: Kommen wir mal zu einem deiner Ex-Klubs, die Borussia. Verfolgst du noch, was die Fohlen machen und wie bewertest du den bisherigen Saisonverlauf?

Dietmar Hirsch: Letztes Jahr habe ich die Borussia intensiver verfolgt und war auch öfters mal im Borussia-Park. Aufgrund meines Trainerjobs in Bocholt sehe ich Borussia jetzt nur noch aus der Entfernung im Fernsehen. Ich finde es immer sehr nett, wie sich bei Borussia um ehemalige Spieler gekümmert wird. Man trifft immer viele ehemalige Spieler und hat eine tolle Atmosphäre. Wenn man in einem Verein gespielt hat, hat man immer eine emotionale Verbindung und dann ist man auch Fan, ganz klar. Vor der Saison gab es einen Umbruch. Der Trainer ist neu und viele Spieler sind neu. Dazu musste man viel Qualität abgeben beziehungsweise man hat sie verloren. Die neue Mannschaft muss sich erst finden. Ich glaube, dass man schon eine Entwicklung sieht und dass man dem Trainer auch eine gewisse Zeit geben muss. Gerardo Seoane ist schon ein sehr guter Trainer, der zur Borussia passt. Aus der Entfernung heraus glaube ich, dass Borussia auf einem sehr guten Weg ist. 

Fohlen-hautnah: Ärgert es sich eigentlich noch, dass du 1995 beim Pokalfinale nicht im Kader gestanden hast?

Dietmar Hirsch: Ich war eher total enttäuscht. Das war mein erstes Jahr als Profi. In der Rückrunde war ich in allen 17 Spielen im Kader und hatte 13 Einsätze. Im Halbfinale habe ich dann auch noch gespielt. Dann stand irgendwann mein Wechsel zu Duisburg fest und es kamen sehr viele verletzte Spieler wieder zurück, die dann im Kader standen. Das wurmt einen schon. Ich saß in Berlin zwar auf der Tribüne und darf mich Pokalsieger nennen, aber das war damals schon enttäuschend, auch wenn ich noch ein junger Profi war. Aber es wäre ja schlimm, wenn ich nicht enttäuscht gewesen wäre. Denn man ist ja Sportler und will im Kader dabei sein.

Fohlen-hautnah: Was für eine Station war Borussia generell für dich?

Dietmar Hirsch: Ich komme ja aus Süchteln und da gab es das Parkhotel, wo sich Borussia immer auf die Spiele vorbereitet hat. Da bin ich dann morgens hin und habe mir Autogramme geholt. Später bin ich dann zum Bökelberg gefahren und habe in der Nordkurve gestanden. Irgendwann durfte ich dann selber auf dem Platz stehen. Dieses Gefühl gerade in diesem Stadion war überragend. Jedes Spiel war mega. Wenn du also bei dem Verein, von dem du ein ganzes Leben lang Fan bist und ins Stadion gefahren bist, auf einmal selbst mitspielen darfst, dann vergisst du das nicht. Borussia war meine erste Profistation und ist für mich schon etwas Besonderes. Bökelberg war immer Gänsehaut.

Fohlen-hautnah: Weisweiler Elf oder Traditionsmannschaft der Zebras?

Dietmar Hirsch: Die beiden kann man gar nicht vergleichen. Die Weisweiler Elf ist professioneller aufgestellt, sehr umfangreich und wird auch vom Verein unterstützt. Und es ist leichter, Spieler nachzubekommen. Das ist beim MSV anders. Da ist alles viel kleiner, es ist aber im Kommen. Ich möchte da keinen bevorzugen, weil ich überall gute Freunde habe und ich spiele gerne bei beiden mit, wenn es die Zeit zulässt.

Fohlen-hautnah: Am kommenden Samstag wollt ihr nun eure Heimserie gegen die U23 der Borussia ausbauen. Zumindest auf dem Papier seit ihr der Favorit. Was erwartet euch für eine Aufgabe und was zeichnet die Jungfohlen aus, die vor der Saison ebenso einen Umbruch hatten?

Dietmar Hirsch: U23-Mannschaften sind immer schwer einzuschätzen. Wenn man mal das letzte Spiel nimmt. Beim 3:1-Sieg gegen Ahlen fehlten einige U-Nationalspieler, die jetzt wieder zurückkommen. Es ist eine junge Mannschaft mit sehr viel Qualität. Mit Julian Korb hat man einen erfahrenen ehemaligen Bundesliga-Spieler, der die ‚jungen Wilden‘ so ein bisschen führt. Er ist schon ein sehr guter Typ. Sein Vater spielt übrigens in der Traditionsmannschaft von Duisburg. Julian war da auch mal mit. Wir kennen uns und haben schon mal in der Soccer-Halle gegeneinander gespielt. Julian ist ein sehr offener und guter Typ, der der jungen Mannschaft sicherlich guttut. Gladbach hat die beste Offensive mit 32 Toren, hat aber auch schon 34 Tore kassiert. Also viel Spektakel, viel Offensivwucht. Hinten vielleicht ein bisschen naiv. Aber das ist bei jungen Mannschaften oftmals so. Es wird auf jeden Fall eine schwere Aufgabe. Eine U23 ist immer unberechenbar weil man nie weiß, wer von oben kommt. Auch wenn wir wissen, dass die Profis zeitlich in Dortmund spielen. Wir müssen wie in jedem Spiel 100 Prozent auf den Platz bringen, um die drei Punkte holen zu können. 

Fohlen-hautnah: In Eugen Polanski steht ein junger, ehemaliger Profi an der Seitenlinie. Im Sommer würde er sogar als Nachfolger von Daniel Farke gehandelt. Wundert sich das oder anders herum gefragt: Was zeichnet ihn aus und was traust du ihm noch in seiner Karriere zu?

Dietmar Hirsch: Ich kenne Eugen von der Weisweiler Elf. Da haben wir uns schon mal etwas ausgetauscht. Er ist ein sehr angenehmer Typ. Ansonsten kann ich nicht allzu viel zu ihm sagen, weil ich ihn als Trainer noch nicht habe arbeiten sehen. Wenn man Ihn aber als Nachfolger für Daniel Farke ins Spiel bringt und er auch bei Osnabrück auf dem Zettel gestanden hat, dann kommt das ja nicht von ungefähr. Dann muss man ein guter Trainer sein. Von daher glaube ich schon, dass ihm eine gute Karriere als Trainer bevorstehen kann und traue ihm einen Job in der Bundesliga durchaus zu.

Fohlen-hautnah: Was willst du abschließend als Trainer noch erreichen beziehungsweise welche Ziele hast du dir gesetzt?

Dietmar Hirsch: Für mich war jedes Bundesliga-Spiel etwas Besonderes und jetzt ist jedes Regionalliga-Spiel als Trainer in einer sehr starken Liga für mich etwas Besonders. Und so lange ich dieses Gefühl und die Wertschätzung habe, ist das immer noch der richtige Job. So war es als Spieler und so ist es jetzt als Trainer. Natürlich willst du auch als Trainer so hoch wie möglich arbeiten. Aber im Fußball ist nichts planbar. Ich plane das nächste Spiel und wenn man dann als Mannschaft, Trainer und Verein erfolgreich ist, dann kommt alles andere von alleine. Ich liebe meinen Job, weil er mir Spaß macht. Egal, in welcher Liga. Wenn man Bundesliga gespielt hat, würde man da natürlich auch als Trainer hin. Aber es gibt nur 18 Trainerposten und tausende von Fußball-Lehrern. Ich genieße einfach den Moment und dann wird man sehen, was noch kommt. 

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