Alexander Baumjohann spielte zuletzt bei Sydney FC. Foto: picture Alliance / Actionplus I Actionplus

Von 2007 bis 2009 spielte Alexander Baumjohann bei Borussia Mönchengladbach. In dieser Zeit gelang dem gebürtigen Waltroper der Bundesliga-Aufstieg 2008. Seit drei Jahren lebt der Mittelfeldmann nun in Australien, ist aktuell aber ohne Klub. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 34-Jährige unter anderem über sein Leben in „Down Under“, die Zeit bei der Borussia, die Entwicklung des Klubs und über seine Zukunftsplanung.

Fohlen-Hautnah: Alex, trotz mittlerweile sieben Wochen Lockdown steigen die Zahlen in Australien und im Bundesstaat New South Wales. Wie geht es Dir und wie ist das zu erklären?

Alexander Baumjohann: Zunächst einmal vielen Dank der Nachfrage. Wir befinden uns schon seit Ende Juni im Lockdown. Momentan genieße ich Zuhause die Zeit mit meiner Familie, was während der Saison ja eher weniger möglich ist. Aber auch mit Homeschooling haben wir genug zu tun. Zudem halte ich mich im Gym und mit Laufen fit. Unabhängig von der Lockdown-Situation geht es uns sehr gut. Warum die Zahlen immer noch sehr hoch ist, ist schwer zu sagen. Für mein Empfinden ist es aber so, dass die Menschen das Virus zu Beginn nicht richtig ernst genommen haben. Sie haben sich weiterhin auf den Straßen aufgehalten, gefeiert und gegen den Lockdown demonstriert. Von daher gibt es weiterhin viele positive Fälle. Aber ich denke, dadurch lassen sich jetzt auch mehr Menschen impfen. Es geht auf jeden Fall wieder in die richtige Richtung.

Fohlen-Hautnah: Apropos Lockdown. Die Maßnahmen sollen noch bis Ende August gelten. Die Menschen dürfen nur noch in Ausnahmefällen ihre Häuser verlassen. Wie ist das für Dich/euch als Familie und wie gestaltet ihr euren Alltag?

Alexander Baumjohann: Ich denke, dass der Lockdown sogar noch etwas länger gehen wird, weil die Zahlen für australische Verhältnisse weiterhin konstant hoch sind. Heute hatten wir in New South Wales über 500 positive Fälle (Stand 17.08.21, Anm. D. Red.). Von daher kann ich mir nicht vorstellen, dass der Lockdown Ende August vorbei ist. Aber wie ich schon gesagt habe. Wir versuchen die Zeit Zuhause miteinander zu genießen und bestmöglich zu gestalten. Wir machen einfach das Beste aus der Situation. 

Fohlen-Hautnah: Du lebst seit nunmehr drei Jahren in Australien. Kannst Du Dir vorstellen, dort nach Deiner Karriere zu leben oder kommt auch eine Rückkehr nach Deutschland infrage?

Alexander Baumjohann: Ich lebe jetzt seit drei Jahren in Sydney. Unser Plan ist, dass wir auch nach meiner Karriere hier bleiben. Ich habe bereits die ‚Permanent Residence‘ beantragt, so dass ich dann auch nach meiner Karriere weiter in Australien leben kann. Zunächst möchte ich aber noch drei, vier Jahre Fußball spielen.

Fohlen-Hautnah: Du hast also in Deutschland, Brasilien und Australien gespielt. Wie unterscheiden sich diese drei Ligen im Wesentlichen?

Alexander Baumjohann: Qualitativ ist die Bundesliga natürlich einer der besten Ligen der Welt, das weiß jeder. Aber auch gerade in Brasilien war ich sehr überrascht vom Niveau. Ich hatte gedacht, dass der Fußball dort eher technisch betont ist. Das ist er auch, aber er ist auch sehr physisch geprägt. Von daher war das für mich schon eine Überraschung. Der australische Fußball ist mit dem in Brasilien oder auch Deutschland nicht zu vergleichen. Dafür ist er sehr physisch und vor allem von weiten Reisen zu Auswärtsspielen geprägt. Dazu kommt das Klima. Das sind schon Umstellungen, an die man sich erstmal gewöhnen muss. 

Fohlen-Hautnah: Warum hast Du Dich 2017 generell dazu entschieden, den europäischen Fußball zu verlassen?

Alexander Baumjohann: Ich habe mich nach dreizehn Jahren in Deutschland und mit dann 30 Jahren entschieden, eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich hab den Schritt ins Ausland zu diesem Zeitpunkt als den richtigen angesehen, weil ich auch die Möglichkeit nicht verpassen wollte, mal eine solche neue Erfahrung zu machen. Ich kann sagen, dass es genau der richtige Schritt war. Die bisherigen vier Jahre im Ausland haben mich sehr geprägt. Ich kann nur jedem Fußballer empfehlen, auch mal im Ausland zu spielen, wenn er die Möglichkeit dazu hat.

Fohlen-Hautnah: Du bist seit 2004 Fußballprofi, hast in dieser Zeit einiges erlebt und auch Titel gesammelt. Würdest Du alles nochmal genauso machen?

Alexander Baumjohann: Ich habe mit 16 Jahren auf Schalke unter Jupp Heynckes meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Ich kann mit Zufriedenheit auf meine bisherige Karriere zurückblicken. Natürlich gibt es den einen und anderen Moment oder Punkt, wo ich sage, dass ich das mit meiner jetzigen Erfahrung anders gemacht hätte. Wenn ich damit gerechnet hätte, dass Borussia Mönchengladbach konstant europäisch vertreten ist, dann wäre ich wahrscheinlich auch länger bei Borussia geblieben. Aber das konnte man damals nicht so absehen. Da hat Max Eberl super Arbeit geleistet. Ich bin glücklich und froh, dass sich Borussia so entwickelt hat.

Fohlen-Hautnah: Du hast es schon ein bisschen angesprochen. Kann man mit etwas Abstand sagen, dass der Schritt zum FC Bayern zu früh war?

Alexander Baumjohann: Wie ich schon angesprochen habe. Es konnte keiner damit rechnen, dass sich Borussia so entwickelt, wie sie es getan hat. Und als ich bei Bayern unterschrieben habe, standen wir als Mannschaft auf einem Abstiegsplatz von dem man sich auch hätte nicht retten können. Von daher war es meines Erachtens der richtige Schritt. Es war nur leider mit etwas Pech verbunden, dass Jürgen Klinsmann, der mich haben wollte und geholt hat, im Sommer schon nicht mehr da war, nachdem ich im Januar unterschrieben hatte. Luis van Gaal kannte mich nicht und so hatte ich von Beginn an einen relativ schweren Stand. Den Schritt würde ich aber immer wieder machen und würde nicht sagen, dass er zu früh war. 

Fohlen-Hautnah: Aktuell bist Du vereinslos. Der FC Sydney musste auch aufgrund des reduzierten TV- Vertrags seinen Kader mit Spielern außerhalb des Salary Caps verkleinern. Du hast leider dazugehört. Wie geht es jetzt für Dich weiter und hast Du schon etwas Konkretes? Käme für Dich auch ein Engagement in den Emiraten infrage?

Alexander Baumjohann: Wie Du schon sagst. Leider ist es in Australien durch den geringer dotierten TV-Vertrag etwas schwieriger geworden. Das Budget der Klubs ist geringer als zuvor. Aber nach drei Jahren in Australien und dem einen und anderen Titel hätte ich auf jeden Fall nochmal Lust auf ein neues Abendteuer. Da bin ich für alles offen. Ich bin momentan in Gesprächen mit einigen Klubs – in Australien, aber auch in Asien. Da sind die Emirate natürlich auch ein Land, das infrage kommt und das sehr interessant ist.

Fohlen-Hautnah: Du hast schon gesagt, dass Du die aufgrund Deines Kreuzbandrisses verlorenen Jahre hinten dranhängen möchtest. Was folgt dann?

Alexander Baumjohann: Genau. Ich habe immer gesagt, dass ich die beiden Jahre noch dranhängen möchte. Ich bin 34 und habe seit dem letzten Kreuzbandriss in 2015 keine Verletzungen mehr gehabt und bin topfit. Von daher möchte ich auf jeden Fall noch drei, vier Jahre spielen – sei es hier in Australien oder in Asien. Gerade dort gibt es pro Klub drei bis vier Spieler, die über 35 Jahre sind. Das ist in Europa oder Deutschland gar nicht mehr möglich. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Ich bin auf jeden Fall für alles offen. Zunächst gilt mein Fokus und meine ganze Energie aber dem aktiven Fußball.

Fohlen-Hautnah: Kommen wir mal zur Borussia. 34 Pflichtspiele, 3 Tore, 7 Vorlagen und der Aufstieg 2008 – was war Borussia für Dich für eine Station und wie schaust Du auf die Zeit zurück?

Alexander Baumjohann: Ich war zweieinhalb Jahre bei Borussia. Leider hatte ich am Anfang etwas Pech mit Verletzungen. Aber gerade die letzte Saison 2008/2009 war natürlich für mich meine wichtigste Saison in meiner Karriere, weil ich dort den Durchbruch geschafft und das Fundament für meine Karriere gesetzt habe. Deswegen ist Borussia für mich immer ein Verein, dem ich sehr dankbar bin, dass ich diese Chance bekommen durfte. Ich drücke Borussia immer die Daumen. Es ist ein Verein, den ich im Herzen trage und für den ich immer noch sehr viel Sympathie habe.

Fohlen-Hautnah: Und was war Dein schönster Moment im Trikot von Borussia?

Alexander Baumjohann: Zum Einen war es der letzte Spieltag, als wir uns Zuhause gegen Borussia Dortmund gerettet haben. Viele hatten uns schon abgeschrieben, aber wir haben uns vor dem Abstieg bewahrt. Für mich persönlich war das natürlich mein erstes Tor. Das Tor gegen Werder Bremen, das dann auch zum Tor des Monats August gekürt wurde. Auf das schaue ich immer wieder gerne zurück und bleibt in Erinnerung. Das war einer meiner schönsten Momente in meiner Karriere.

Fohlen-Hautnah: Der 30.08.2008 ist Dir also natürlich noch in bester Erinnerung sein…

Alexander Baumjohann: Absolut. Es war mein erstes Tor für Borussia und gleich ein solches. Das war für mich ein super Tag. Wir haben damals gegen Bremen, die in diesen Jahren immer oben mitgespielt haben, den ersten Saisonsieg gefeiert. Das Tor war für mich die Krönung und da blicke ich natürlich immer sehr gerne drauf zurück.

Fohlen-Hautnah: Seit Deinem Weggang hat sich im Klub eine Menge getan. Hast Du die infrastrukturelle und sportliche Entwicklung des Klubs verfolgt und wenn ja, wie bewertest Du sie?

Alexander Baumjohann: Das ist einfach unglaublich. Ich habe es ja schon angesprochen. Ich glaube, keiner konnte damit rechnen, dass der Klub eine solche Entwicklung nimmt. Max Eberl hat in der Saison 2008/2009, als ich noch da war, in der Jugend seine ersten Schritte auf der Managerposition gemacht und hat wirklich unglaublich gute Arbeit geleistet und leistet sie auch noch. Ich glaube, man kann es gar nicht hoch genug bewerten und schätzen, welch herausragende Arbeit in Gladbach geleistet wird. Ohne jetzt großartig Unsummen für Spieler auszugeben, sondern wirklich gesund zu managen. Borussia ist für mich einer der Klubs, bei denen in den letzten 10, 15 Jahren mit die beste Arbeit geleistet wurde.

Fohlen-Hautnah: Hast Du noch Kontakt zum Klub und wird man Dich auch mal wieder im Borussia-Park sehen?

Alexander Baumjohann: Kontakt zu einigen Mitspielern von damals habe ich auf jeden Fall noch. Dante ist da herauszunehmen. Wir haben damals ein halbes Jahr zusammengespielt. Ich bin ja dann gewechselt. Aber wir haben immer Kontakt gepflegt. Er war auch mein Trauzeuge auf meiner Hochzeit. Wir sind wirklich ganz eng befreundet. Diese Freundschaft wird auch nach der aktiven Karriere weiter halten, was im Fußball nicht immer die Norm ist. Ich würde sehr gerne mal wieder in den Borussia-Park kommen, aber das Problem ist natürlich die Entfernung. Gerade auch jetzt mit der Pandemie ist es nicht ganz einfach, zu reisen. Von daher glaube ich, wird es noch etwas dauern. Wenn ich aber mal wieder in Deutschland bin, werde ich auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen, um in den Borussia-Park zu kommen. Ich möchte mir auch selbst ein Bild von der ganzen Infrastruktur machen, weil ich auch nur Gutes drüber gehört und auf Bildern und Videos gesehen habe. 

Fohlen-Hautnah: Gespielt hast Du unter Trainer Hans Meyer, dem heutigen Präsidiumsmitglied. Was hat er Dir für Deine weitere Karriere mit auf den Weg gegeben und wie war Dein Verhältnis zu ihm?

Alexander Baumjohann: Hans Meyer ist ein Trainer, der für uns in der damaligen Situation genau der richtige war, uns vor dem Abstieg zu retten. Ich glaube, er hat uns und auch mir viel mit auf den Weg gegeben. Ich blicke auf die gemeinsame Zeit nur positiv zurück. Wir haben uns auch nach unserer gemeinsamen Zeit noch ein paar Mal getroffen und ausgetauscht. Hany Meyer ist auf jeden Fall ein Trainer, der mich geprägt hat. Ich blicke gerne auf diese Zeit zurück und werde auch die Gelegenheit nutzen, ihn zu treffen, wenn ich mal in der Gegend bin.

Fohlen-Hautnah: Schaust Du auch „Down Under“ auf die Spiele der Fohlenelf und was traust Du ihr unter dem neuen Trainer Adi Hütter zu?

Alexander Baumjohann: Durch die Zeitverschiebung ist das natürlich nicht so einfach. Wir sind hier in Sydney acht Stunden voraus. Wenn Borussia samstags um 15:30 Uhr spielt, ist es bei uns 23:30 Uhr. Ich versuche aber, mir so viel wie möglich anzuschauen. Auch von der Bundesliga generell. Dadurch, dass ich aber zweieinhalb Jahre bei der Borussia gespielt habe, ist es für mich schon ein Verein, für den ich mit die meiste Sympathie habe. Auch wenn ich weit weg wohne, bin ich mit der Borussia noch eng verbunden. Ich bin in gewisser Weise auch Fan von der Borussia geworden und glaube auch, dass mit Adi Hütter einiges möglich ist. Die Mannschaft ist sehr gut aufgestellt und ich hoffe, dass man sich in dieser Saison wieder für den internationalen Wettbewerb qualifiziert.

Fohlen-Hautnah: Hast Du denn das Spiel Deiner beiden Ex-Klubs Gladbach gegen Bayern gesehen?

Alexander Baumjohann: Natürlich. Als ich aufgestanden bin, habe ich mir direkt eine längere Zusammenfassung angeschaut. Meines Erachtens hätte es zumindest nach der zweiten Szene einen Elfmeter geben müssen, ganz klar. Mit dem Videobeweis tut man sich glaube ich keinen Gefallen, wenn man so Szenen hat, wie diese beiden in dem Spiel. Trotz Videobeweis gibt es immer noch Schiedsrichter, die ihre eigene Meinung vertreten. Ganz im Gegensatz zur Torkamera, wo es entweder Tor oder eben keins gibt und wenig Grauzone ist. Wir haben den Videobeweis in Australien ja auch. Da stoppen dann die Spiele für zwei, drei Minuten, es muss alles gecheckt werden und man kann nicht mehr jubeln, weil man nicht weiß, ob es zuvor einer Szene gab, durch die das Tor dann zurückgenommen wird. Ich glaube, wenn man keinen Videobeweis hätte, würde man den Schiedsrichtern viel mehr verzeihen, wenn man dann mal eine Fehlentscheidung trifft. Bei eurem Spiel ist es natürlich ärgerlich, wenn man zwei Szenen hat und in beiden Fällen keinen Elfmeter bekommt, obwohl man mindestens einen hätte bekommen müssen. 

Fohlen-Hautnah: Du bist nun schon sehr viele Jahre im Profi-Fußball aktiv. Was hat sich in all den Jahren aus Deiner Sicht gravierend geändert?

Alexander Baumjohann: Meiner Meinung nach bewegt sich der Fußball so ein bisschen in die falsche Richtung. Die Geschichte mit Messi, der Barcelona verlassen hat und zu PSG gewechselt ist, war so ein bisschen der Höhepunkt dafür, dass man sieht, dass sich der Fußball nicht in die richtige Richtung entwickelt. Es werden Unsummen an Ablösen bezahlt. Da hat sich der Fußball schon sehr viel verändert. Aber um all die Dinge zu besprechen, bräuchte man mehr Zeit. Auf jeden Fall bin ich ein wenig traurig. Und ich habe es ja schon angesprochen. Gerade so Dinge wie der Videobeweis oder die Nations League – das sind alles Dinge, die für mich zu viel sind und die den Fußball auch ein bisschen kaputt machen.

Fohlen-Hautnah: Was wünscht Du Dir abschließend für die Zukunft beziehungsweise was möchtest Du noch erreichen?

Alexander Baumjohann: Ich setzte mir in Bezug auf Titel oder Trophäen keine Ziele mehr, sondern ich möchte den Rest meiner Karriere verletzungsfrei bleiben und jeden Tag mit Freude auf den Fußballplatz gehen und es genießen, so privilegiert zu sein, mit Fußball Geld verdienen zu können. Ich möchte einfach die Lust am Fußball bis zum Ende meiner Karriere nicht loswerden und einfach gesund bleiben.