Und dieser Trainerwechsel sollte sich als genau richtig erweisen und brachte den erhofften Effekt. Der 52-Jährige erkannte die Schwachstellen und setzte genau da an, wo der Schuhdrückte – am System. Hecking stellte wieder auf Viererkette um, gab der Fohlenelf so die fehlende Sicherheit zurück und stabilisierte sie. Unter dem Trainer des Jahres 2015 warf die Fohlenelf wieder alles in die Waagschale und legte vor allem auch Läuferisch wieder einen deutliche nZahn zu. Mit im Schnitt 115,5 Kilometern belegen die Boirussen im Abschluss-Ranking gemeinsam mit der TSG Hoffenheim den 2. Platz. Erster ist der FC Bayern München mit 117,6 Kilometern. Und auch in der Zweikampfbilanz liegen die Borussen mit im Schnitt 51,5 Prozent gewonnenen Zweikämpfen auf einem guten dritten Platz. Unter dem Strich holte Hecking in 17 Spielen 28 Punkte (1,65 im Schnitt), sein Vorgänger André Schubert brachte es in 16 Spielen nur zu 16 Punkten.

Hecking startete nach dem Jahreswechsel mit einem torlosen Unentschieden in Darmstadt und musste eine Woche später mit seiner Mannschaft in Leverkusen antreten. Einen 0:2- Rückstand drehte man in ein 3:2 und da war es geschehen – der erste AUSWÄRTSSIEG der Saison. Das war Balsam für die Seele, für Spieler und Fans gleichermaßen. Mit fünf Siegen aus den nächsten sechs Spielen in der Bundesliga pirschte sich die Borussia Schritt für Schritt wieder ans internationale Geschäft.

Im DFB-Pokal erledigte man die Aufgaben in Fürth und Hamburg und in der Europa League geschah das „Wunder von Florenz“, wo man mit ähnlicher Moral wie schon in Leverkusen immer ans Weiterkommen und den Erfolg glaubte und letztlich belohnt wurde – für Borussia schien es jetzt nur noch bergauf zu gehen.

Zu viel hergeschenkt

Doch bald landete man wieder auf dem Boden der Tatsachen, denn gegen Schalke war es vorbei mit den Träumen von weiteren Europapokalreisen nach Manchester oder Amsterdam. Aber da gab es ja noch einen Wettbewerb, auf den alle hofften. Im DFB-Pokal musste man gegen Frankfurt im Elfmeterschießen mit einer Niederlage leben, die auf Jahre hinweg gesehen noch schmerzen könnte. Wann schafft unsere Borussia es denn mal wieder in ein Halbfinale? Wann trifft man dort auf einen Gegner auf Augenhöhe? Wann hat man nochmal die Gelegenheit, mit einem Sieg vor eigenem Publikum ins Endspiel nach Berlin einziehen zu können? So steht der leidgeprüfte Borusse wieder mal mit leeren Händen da.

Natürlich ist es unglücklich, dass man ausgerechnet in den entscheidenden Spielen auf etliche Leistungsträger verzichten musste. Genau das machte sich gegen Eintracht Frankfurt besonders in der Nachspielzeit bemerkbar, als eben Offensivspieler wie Raffael, Johnson oder Hazard nicht da waren, um das Spiel mit einer entscheidenden Einzelaktion an sich zu reißen und für eine Entscheidung zu sorgen. Dass man aus beiden Pokalwettbewerben ausschied, ohne eine (reguläre) Niederlage hinnehmen zu müssen, passt zur gesamten Saison.

Zu oft hat man in diesem Jahr, wenn es drauf ankam, auch mit dem eigenen Unvermögen zu kämpfen gehabt. Chancen erspielte man sich meist zu genüge – es fehlte das letzte Quäntchen Glück, der letzte Pass und ja, so hart es klingen mag, ebenfalls der letzte Wille. So schien es zumindest in den letzten drei Saisonspielen, in denen man in keiner Partie über ein Unentschieden hinauskam und selbst im letzten Spiel gegen Darmstadt noch in der Nachspielzeit den Ausgleich einstecken musste. Die Chance, in der nächsten Saison doch noch international spielen zu können, wurde der Mannschaft zum Saisonende hin nochmal auf dem Silbertablett serviert – und nicht genutzt.

Eine Saison ohne Europa als Chance

Hätte man die Punkte, die man in der zweiten Spielhälfte sammelte, auch nur ansatzweise in der Hinrunde gesammelt, könnte man rundum zufrieden sein. Umso beachtlicher ist die Aufholjagd, die man unter Dieter Hecking startete und dank der man die oben angesprochene Chance auf Europa bis zum letzten Spieltag wahren konnte – leider ohne Happy End. Doch Europa wurde generell in der Hinrunde verspielt.

Jetzt müssen sich alle erst nochmal an eine Saison ohne internationale Auftritte gewöhnen. Eine Saison ohne die ganz großen Spiele und ohne die Champions League Hymne. Statt 51 (!) Pflichtspiele werden es 34 plus X – je nachdem, wie weit man es im DFB-Pokal schafft. Auf Spiele gegen Hannover und Augsburg werden Duelle mit Mainz und Leipzig folgen. Ohne das große Tamdam unter der Woche.

Das Ganze ist vor allem als große Chance zu betrachten, es im Alltagsgeschäft der Bundesliga wieder besser zu machen als in dieser Spielzeit, um am Ende eine Platzierung zu erreichen, die das fast schon selbstverständlich geglaubte Erreichen des internationalen Geschäftes ermöglicht. Dass ein Großteil der Mannschaft zusammenbleiben wird, ist ein gutes Zeichen. Führungsfiguren wie Stindl, Traoré und Johnson sind bereit, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Dazu wurde in Vincenzo Grifo bereits ein Spieler geholt, der vom Gladbacher Weg – auch ohne Europa in der kommenden Saison – überzeugt und ‚geil’ ist, für die Borussia aufzulaufen. Der gebürtige Italiener ist im Mittelfeld flexibel einsetzbar und bietet Dieter Hecking so zusätzliche Möglichkeiten.

Andere Spieler wie Julian Korb oder André Hahn gelten nach wie vor als die heißesten Wackelkandidaten, um die von Max Eberl angekündigte Kaderverkleinerung voranzutreiben. Dass Borussia Mönchengladbach auch ohne Europa eine namhafte Adresse für Neuzugänge bleibt, ist sicher. Zu gut ist der Ruf, den man sich in den letzten Jahren wieder hart erarbeitet hat.

Doch nun steht nach einer langen Saison erst einmal die Sommerpause auf dem Programm, die nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Fans nach turbulenten Monaten dringend gebrauchen können. Für die Verantwortlichen um Sportdirektor Max Eberl gibt es allerdings noch einiges zu tun und zu analysieren – damit beide Hälften der nächsten Saison wieder erfolgreich werden…