Christoph Kramer gibt im Mittelfeld mit den Ton an. Foto: Dirk Päffgen, Fohlen-Hautnah.de

Christoph Kramer gehört bei Borussia Mönchengladbach zum absoluten Stammpersonal. In der laufenden Spielenzeit stand der Mittelfeldmann in elf von zwölf Pflichtspielen von Beginn an auf dem Platz und wusste zu überzeugen. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 29-Jährige unter anderem über ‚seinen‘ Klub Borussia, die Nationalmannschaft, seine Rolle als Experte, seine weitere Karriereplanung und über die aktuelle Saison.

Fohlen-Hautnah: Chris zunächst einmal zu Deiner Sammelleidenschaft: Hast Du Deine Frau überreden müssen, eine Wand oder gar ein Zimmer einrichten zu dürfen, dass Deine ganzen Trikots ziert…?

Christoph Kramer: Ich habe vier Trikots, die mir am Herzen liegen. Das ist ein Trikot vom ersten Zweitligaspiel für den VfL Bochum, von meinem ersten Bundesligaspiel mit Gladbach, meinem ersten Champions-League-Spiel mit Bayer Leverkusen und das Trikot vom WM-Finale. Diese Trikots habe ich bei mir Zuhause im Büro aufgehangen. Alle anderen Trikots habe in einem großen Schrank und möchte mir später, falls ich mal bauen sollte, einen Raum gestalten, in dem ich meine Karriere so ein bisschen Revue passieren lassen möchte. 

Fohlen-Hautnah: Du hast im Magazin „11 Freunde“ eine eigene Kolumne. Ist der Beruf des Journalisten auch etwas, den Du Dir nach Deiner Zeit als aktiver Fußballer vorstellen kannst? Du warst ja auch schon im ZDF als Experte tätig…

Christoph Kramer: Ich habe mir über die Zeit nach meiner Karriere noch keine Gedanken gemacht, weil ich noch lange Fußballspielen möchte. Ich schreibe aber unheimlich gerne und finde es total spannend, auch eure Arbeit zu sehen, wenn man beispielsweise eine Wort- oder Zeilenvorgabe hat und damit dann klarkommen muss. Solche Vorgaben nehme ich auch gerne als Herausforderung. Ich schreibe aber nicht nur gerne über Fußball, sondern auch über verschiedene andere Themen. Mir macht das Spaß, deswegen mache ich das. In diesem Zusammenhang bin ich dann aber nicht so sehr in den sozialen Medien unterwegs, das ist nicht so mein Ding. Ich selber brauche noch das klassische Papier, also die Zeitschrift.

Fohlen-Hautnah: In diesem Zusammenhang: Wirst Du im kommenden Jahr wieder als Experte bei der EM tätig sein?

Christoph Kramer: Ich denke, dass ich bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer wieder als Experte aktiv sein werde.

Fohlen-Hautnah: Und wie wäre es im Anschluss mit Olympia…?

Christoph Kramer: Ich würde mich freuen, wenn ich bei den Olympischen Spielen dabei sein könnte.

Fohlen-Hautnah: Kommen wir mal zur A-Nationalmannschaft, die sich in der Nations League mit einer 0:6-Klatsche gegen Spanien in die bis März andauernde Pause verabschiedet hat. Wie bewertest Du dieses Spiel?

Christoph Kramer: Ich habe mir das Spiel angesehen. Es war natürlich ein extrem bitterer Tag. Alle, die Fußball gespielt haben, kennen das: An manchen Tagen willst du einfach nur wieder schnell in die Kabine, willst das Spiel abhaken und nach Hause. Man hatte das Gefühl, dass bei vielen relativ früh im Spiel schon der Stecker gezogen war. Dann kommt der Effekt, dass man froh ist, wenn es vorbei ist. Solche Tage gibt es leider manchmal. Es ist aber unglücklich und ungünstig, wenn es im Spiel gegen Spanien und im letzten Länderspiel des Jahres passiert.

Fohlen-Hautnah: In der Folge gab es dann die mitunter im Fußball-Geschäft üblichen Trainer-Diskussionen… 

Christoph Kramer: Zunächst einmal mache ich mir keine Sorgen, was die EM betrifft. Ich lasse mich da auch gerne an meiner Aussage messen, dass ich glaube, dass Deutschland da eine gewichtige Rolle spielen wird. Da bin ich mir sehr sicher, auch wenn es momentan nicht danach aussieht. Ich bin sowieso kein Fan davon, immer nach nackten Ergebnissen etwas zu fordern oder alles in Frage zu stellen. Man muss dauerhaft die Leistungen beurteilen, aber nicht nur nach solchen Niederlagen, die immer mal passieren können. Grundsätzlich bin ich aber nicht nah genug dran, um richtig urteilen zu können. Das möchte ich auch nicht und steht mir auch nicht zu. Natürlich gibt es aber Dinge, die man ganz klar ansprechen muss. Das wird Jogi Löw mit seinem Trainerteam sicherlich auch tun. Er ist so lange Bundestrainer und war bis auf einmal immer mindestens im Halbfinale. Diese Bilanz hat auch keine andere Nation. Auch wenn es aktuell etwas holprig ist, finde ich, gehört es sich nicht, so in der Form wie jetzt darüber zu berichten.

Fohlen-Hautnah: Nun wird ja auch wieder viel über eine Rückkehr ehemaliger Nationalspieler gesprochen. Du spielst aktuell auch sehr stark auf – ist das Thema Nationalelf gelaufen oder hast Du Hoffnungen, nochmal nominiert zu werden?

Christoph Kramer: Genauso wie ich mich nicht dagegen sträube, wenn ich mit dem WM-Finale in Verbindung gebracht werde, sträube ich mich auch nicht dagegen, wenn ich mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht werde. Das ist ja auch eine Ehre. Ob das im Moment realistisch ist, weiß ich nicht. Aber natürlich fühlt man sich immer geehrt, wenn man mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht wird.

Fohlen-Hautnah: Jogi Löw probiert aktuell in der Nationalmannschaft viel aus und hat kürzlich auch Florian Neuhaus eine Chance gegeben. Wie hast Du seinen Auftritt im DFB-Dress gesehen?

Christoph Kramer: Ich freue mich für jeden, der für die Nationalmannschaft aufläuft. Gerade auch deshalb, weil ich es selber erlebt habe. Das ist schon nach wie vor etwas ganz Besonderes. Ich glaube speziell Flo hat es richtig gut gemacht. Ich habe von keinem eine andere Meinung gehört oder gelesen. Ich glaube, es war einstimmig, dass es Flo sehr gut gemacht hat. 

Fohlen-Hautnah: Kommen wir mal zur Borussia. Borussia ist ein Traditionsverein und lebt das auch. Wie wichtig ist Dir gerade in den heutigen Zeiten Tradition im Fußballgeschäft und was ist Borussia mittlerweile für Dich?

Christoph Kramer: Borussia ist mein Klub. Ich habe bei Borussia mein erstes Bundesligaspiel gemacht und ich hoffe, dort auch mein letztes Spiel machen zu können. Es ist der Klub mit dem ich groß geworden bin, gewachsen bin und mit dem ich viele schöne Erinnerungen geteilt habe. Ohne zu gefühlvoll zu werden habe ich Borussia irgendwie auch lieben gelernt. Er ist zu meinen Verein geworden, weil ich mich total identifizieren kann mit den Menschen, die hier arbeiten, mit dem, was gesagt wird, wie es kommuniziert wird und wie mit mir umgegangen wird. Das ist eine sehr ehrliche und respektvolle Art und Weise. Ich habe mich immer wohl gefühlt, bin immer gerne zum Training gegangen und immer einen großen Spaß. Unabhängig von der persönlichen oder sportlichen Situation gab es keine Phase, in der ich nicht gerne zum Training gegangen bin. Der Beruf ist eine große Säule in deinem Leben. Ich habe das große Glück, dass mein Beruf Hobby und Leidenschaft zugleich ist. Dass ich dann aber noch einen Verein habe, bei dem ich nach so vielen Jahren jeden Tag so gerne bin, ist das größte Glück, dass du finden kannst. 

Fohlen-Hautnah: Dein Vertrag läuft aktuell noch bis 2023. Hört sich an, als ob Du Dir vorstellen kannst, bei Borussia bis zum Karriereende zu bleiben?

Christoph Kramer: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht. Natürlich kann ich mir vorstellen, meine Karriere bei Gladbach zu beenden, ganz klar. Ich habe mir aber noch keine großartigen Gedanken über 2023 hinaus gemacht, weil man im Hier und Jetzt leben sollte und ich es auch aktuell viel zu schön finde. Es läuft noch viel Wasser den Rhein runter bis dahin und es kann noch viel passieren.

Fohlen-Hautnah: Denis Zakaria ist wieder auf dem Weg der Besserung und könnte dir bald den Stammplatz wieder streitig machen. Wie beurteilst du den Konkurrenzkampf?

Christoph Kramer: Bevor es Konkurrenten sind, sind es in erster Linie meine Mitspieler. Da freue ich mich einfach, dass er in einer Phase, in der er uns als Mannschaft gut tut, zurückkommt. Wir waren knapp besetzt. Jetzt sind László Bénes und Denis Zakaria zurück. Das sind Spieler, die dem Spiel noch mal eine andere Statik geben können und die uns in den ganzen Englischen Wochen guttun. Es gibt auch nicht mehr das richtige Stammspieler-System, wie es das früher klassischerweise gab. Wir haben so viele Spiele. Da mache ich mir keine Sorgen, das ich nicht zu Einsatzzeiten komme. Vor allen Dingen freut es mich aber für Denis. Vor seiner Verletzung war er der Senkrechtstarter. Dann ist es für einen jungen Menschen besonders schlimm, wenn eine Verletzung einen so zurückwirft. Er hat sich dann in einer langen Reha zurückgekämpft. Es freut mich unheimlich für ihn, dass er wieder auf dem Platz stehen kann, weil wir alle wissen, dass es das Schlimmste ist, wenn du als Fußballer nicht spielen kannst. Deswegen freut es mich, wenn so eine lange Leidenszeit bei einem Teamkollegen beendet ist. Dass Denis zudem international ein begehrter Spieler ist, bekommt jeder mit.

Fohlen-Hautnah: Hand aufs Herz: Wie sehr fehlen die Fans aktuell im Stadion und hast Du Dich mittlerweile zwangsweise schon etwas daran gewöhnt?

Christoph Kramer: Nach dem zweiten Spiel im Lockdown habe ich mich gefragt, wie man es aushalten soll, ohne Fans zu spielen. Mittlerweile hat man sich irgendwie daran gewöhnt. Ich finde es krass, wie schnell sich ein Mensch an alle Umstände und Situationen, die es auf der Welt gibt, gewöhnen kann. Das ist sehr bizarr, muss ich sagen. Aber natürlich fehlen die Fans –  zuhause und auswärts, gerade auch unsere. Ich glaube, wir hätten schon das eine oder andere Stadion in der Champions League mit unseren Fans im positiven Sinne „eingerissen“ (lacht). Klar fehlt uns das, ohne Frage. Es ist sehr schade, dass sie uns nicht unterstützen können, aber die Zeiten sind leider im Moment so, wie sie sind.

Fohlen-Hautnah: Apropos Fans. Wo hast Du denn Deinen Pappkameraden jetzt platziert, den auch Du Dir hast machen lassen?

Christoph Kramer: Der steht jetzt meinen Eltern Zuhause und hat dort einen schönen Platz gefunden. 

Fohlen-Hautnah: Platz ist ein gutes Stichwort. Was macht ihr zum jetzigen Zeitpunkt besser oder schlechter als in der abgelaufenen Saison?

Christoph Kramer: Wir sind zusammengeblieben und eingespielt. Wir haben in der letzten Saison richtig guten Fußball gespielt. Es war am Anfang holprig, das hat sich ein bisschen durch die Hinrunde gezogen. Wir hatten gute Phasen, aber auch viele Spiele, die wir spät entschieden haben. Aber ich glaube, in der Rückrunde sind wir gerade auch in der Endphase immer stabiler geworden. Da haben wir die positiven Ergebnisse auch in der Höhe verdient geholt. Wir haben einfach sehr gut Fußball gespielt. All das haben wir beibehalten, wir wirken immer stabiler. Auch in der der Champions League haben wir noch mal einen Schritt nach vorne gemacht, gerade auch, was das Konterspiel und das tiefe Verteidigen betrifft. Es wächst und wächst und wächst. Wir spielen sehr facettenreich.

Fohlen-Hautnah: Wie schwierig ist eigentlich Woche für Woche der Spagat zwischen Champions League und Bundesliga? 

Christoph Kramer: Mir fällt das gar nicht schwer und ich finde, es gehört sich einfach nicht, wenn man eine Saison über davon spricht, in der nächsten Saison Champions League spielen zu wollen, dann von schweren Beine zu sprechen. Das passt irgendwie nicht zusammen. Wenn man schwere Beine bekommt, dann nur, weil man sie sich lange genug eingeredet hat. Ich glaube, dass das Trainerteam immer gut rotiert und wir so immer alle frisch auf dem Platz stehen. Wenn angepfiffen ist, bist du voll da und denkst nicht an irgendwelche schweren Beine.

Fohlen-Hautnah: Am Mittwoch beginnt in der Champions League mit dem Heimspiel gegen Schachtar Donezk die Rückrunde. Was glaubst Du, ist in der Champions League noch drin? Immerhin hat Borussia die beste Ausgangslage vor den letzten drei Spielen…

Christoph Kramer: Wir haben jetzt natürlich eine andere Ausgangslage. In den ersten Spielen wurden wir von allen drei Mannschaften ein bisschen unterschätzt, auch wenn es nur im Unterbewusstsein war. Das wird jetzt nicht mehr passieren. Insofern ist die Ausgangslage eine völlig andere. Trotzdem glaube ich, ist eine Menge möglich. Wir sind sehr offensiv an das Thema Champions League herangegangen. Nach der „Halbzeit“ sind wir Erster. Deswegen ist es natürlich unser Ziel weiterzukommen, auch wenn wir gewarnt und auf der Hut sein müssen. Denn die Gegner, die jetzt kommen, werden ein anderes Gesicht zeigen. Das fängt mit dem Heimspiel gegen Donezk an.

Fohlen-Hautnah: Es geht in diesen Wochen weiter Schlag auf Schlag. Nach Donezk kommt der FC Schalke 04 in den Borussia-Park. Eine Partie, in die ihr auch als Favorit geht. Aber Schalke wartet weiter auf einen Sieg – den letzten gab es gegen Borussia…

Christoph Kramer: Wir müssen nicht darüber reden, dass wir auf dem Papier in dem Spiel klarer Favorit sind. Aber wir müssen es auf dem Platz umsetzen, man muss sich immer alles wieder neu erarbeiten. Es ist so entscheidend, wie man in ein Spiel hineingeht und sich einarbeitet. Du kannst vorher noch so viel darüber reden, du musst es jedes Wochenende aufs Neue beweisen und zeigen. Es ist nicht mehr so, dass man Zuhause 99 von 100 Bundesligaspielen gewinnt. In der Bundesliga herrscht eine große Leistungsdichte. Deshalb muss man viel dafür tun, um die jeweilige Hürde, bei der du auf dem Papier der vermeintliche Topfavorit bist,  nehmen und positiv gestalten zu können.

Fohlen-Hautnah: Was macht Christoph Kramer denn unter „normalen“ Umständen in seiner fußballfreien Zeit?

Christoph Kramer: Eigentlich setze ich mich in ein Café und esse ein Stück Kuchen, trinke einen Kaffee und lese eine Zeitschrift. Das alles fällt derzeit aus den bekannten Gründen weg. Von daher setze ich mich auf meinen Balkon, mache ein kleines Mittagsschläfchen oder lese ein bisschen. Ich bekomme die Zeit auch Zuhause gut und sinnvoll rum.

Fohlen-Hautnah: Wenn Du jetzt drei Wünsche frei hättest – welche wäre das?

Christoph Kramer: Das ist eine gute Frage, die ich aus dem Stegreif nicht beantworten kann. Ich bin keiner, der wunschlos glücklich ist, aber der schon sehr zufrieden und sehr glücklich mit seinem Leben ist. Insofern fällt mir da ad hoc gar nichts ein.

Fohlen-Hautnah: Welche Schlagzeile würdest Du gerne am Saisonende über Dich lesen? 

Christoph Kramer: „Christoph Kramer Torschützenkönig!“