Roland Virkus ist bei Borussia zuständig für den Fohlenstall. Foto: Heiko van der Velden/Amafuma.de

In diesem Sommer wird Roland Virkus bei Borussia Mönchengladbach seine 30-jährige Vereinszugehörigkeit feiern. In dieser Zeit hat der 52-Jährige einiges im Klub erlebt. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Borussias Direktor Nachwuchsleistungszentrum unter anderen über seine bisherige Zeit bei Borussia, die ‚Jagd’ nach neuen Talenten, die Saison der U23 und Borussias Philosophie in Bezug auf die Nachwuchsförderung. 

Fohlen-Hautnah: Herr Virkus, am 30.06.21 sind Sie sage und schreibe 30 Jahre bei Borussia Mönchengladbach. Was hätten Sie demjenigen, der eine ansatzweise lange Zeit damals prognostiziert hätte, gesagt und wie schauen Sie auf die drei Dekaden zurück?

Roland Virkus: Letztendlich hätte ich demjenigen wahrscheinlich gesagt: ‚Du bist verrückt‘. Heutzutage sind 30 Jahre bei ein und demselben Arbeitgeber eher ungewöhnlich. Wenn ich zurückblicke kann ich sagen, dass ich dem Verein unglaublich dankbar bin. Ich habe viele schöne Dinge durch und mit Borussia erlebt und ich bin, was meine Arbeit angeht, immer noch genauso heiß wie am Anfang. Ich bin froh und sehr dankbar, dass ich für so einen tollen Klub arbeiten darf. 

Fohlen-Hautnah: Was ist Borussia Mönchengladbach mittlerweile für Sie und was macht diesen Klub so besonders? 

Roland Virkus: Um da alles aufzuzählen, reicht die Zeit vermutlich nicht. In der Bundesliga gibt es einfach wenige Klubs, die so eine Kultur haben wie Borussia Mönchengladbach. Vor kurzem sind wir vom DFB im Jugendbereich analysiert worden. Da hat man uns bescheinigt, dass es vorbildlich ist, wie wir miteinander umgehen, diskutieren und Entscheidungen fällen. Das sagt schon einiges aus. Wir diskutieren auf allen Ebenen kontrovers, aber immer mit viel Respekt füreinander, um die bestmöglichen Entscheidungen für den Klub herbeizuführen. Das, finde ich, hebt uns von anderen Klubs ab. Das macht einen besonders stolz. Zudem haben wir eine sehr starke Fanbase hinter uns, die differenziert und kontrovers diskutiert und der es auch um den Klub geht. Das hat sich zuletzt noch nach der Entscheidung von Marco Rose, den Verein nach dem Saisonende zu verlassen, gezeigt. Am Ende stellt sich immer wieder heraus, dass unsere Diskussionskultur auf allen Ebenen Sinn macht. 

Fohlen-Hautnah: Genau davon lebt ja auch ein Verein: von einer lebendigen Fanszene und dass eben nicht alles teilnahmslos hingenommen wird. Das macht Borussia am Ende des Tages auch so spannend und lebendig… 

Roland Virkus: Absolut. Und das zeigt auch die Bedeutung des Klubs. Für mich ist Borussia auch Heimat. Als ich noch sehr jung war, war ich zunächst ‚nur‘ Fan des Klubs. Als solcher durfte ich das Endspiel im UEFA-Pokal 1980 in Frankfurt miterleben und stand in der Kurve. Parallel zu meinem Studium durfte ich dann hier erstmals eine Mannschaft trainieren. Es war eine sehr privilegierte Situation. 

Fohlen-Hautnah: Können Sie sich eigentlich etwas Anderes vorstellen als diesen Klub und gab es in der Vergangenheit schon mal Momente, in denen Sie zumindest kurz gegrübelt haben…?

Roland Virkus: Es gab immer mal wieder Anfragen von anderen Klubs. Aber für mich kam ein Wechsel nie in Frage. Das Geld hat dabei nie eine Rolle gespielt, das muss ich ganz ehrlich sagen. Dieser Klub liegt mir einfach am Herzen. Als ich bei Borussia angefangen habe, lag die Jugendabteilung am Boden. Wir hatten wenig, was wir vorweisen konnten und womit wir hätten Akquise betreiben können. Mit dem Umzug in den Borussia-Park hat Max Eberl damit angefangen, den Klub auch im Jugendbereich auf neue Beine zu stellen. Zu Beginn meiner Laufbahn mussten wir uns noch im Bauwagen umziehen, auf Asche trainieren und hatten letztlich nur ein paar Bälle. Nach dem Umzug in den Borussia-Park haben wir die Jugendarbeit komplett umgekrempelt und hatten von da an viel bessere Gegebenheiten. Diese Entwicklung macht einen stolz. Wir haben seitdem einige Spieler nach oben gebracht. Zum Beispiel aus den 92er und 93er Jahrgängen haben wir sehr viele Spieler durchgebracht, die jetzt in verschiedenen Profiligen spielen. Die Lizenzmannschaft hat sich aber auch stetig weiterentwickelt und ist mittlerweile regelmäßig im Europapokal vertreten. Deshalb ist der Sprung für Talente aus dem Jugend- in den Profibereich schwieriger geworden. Trotzdem haben wir es geschafft, dass zum Beispiel in Rocco Reitz wieder ein Spieler aus der eigenen Jugend bei den Profis in den Fokus gerückt ist. Und auch darauf sind wir stolz. 

Fohlen-Hautnah: Nehmen Sie uns mal mit in Ihren Arbeitsalltag – Wie kann man sich diesen als „Direktor Nachwuchsleistungszentrum“ vorstellen? 

Roland Virkus: Als Nachwuchsdirektor führt man dauernd Gespräche mit und über die Talente, die man in den Jugendmannschaften hat – was sind die nächsten Schritte, was müssen wir planen, mit wem müssen wir noch sprechen. Zudem trifft man Entscheidungen, um Strukturen zu erweitern. Wir haben damals in Manfred Stefes erstmals einen Trainer für den Übergangsbereich installiert, um den Talenten den Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich zu erleichtern. Unser Ziel war es schon damals, durch zusätzliches Training und Begleitung der Jungs, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie sich im Seniorenbereich etablieren können. Mit ‚Manni‘ Stefes, Otto Ado und jetzt Eugen Polanski waren wir in dieser Hinsicht eine Art Vorreiter. Der Austausch mit den Jugendtrainern ist auch sehr wichtig, denn der Cheftrainer einer Mannschaft arbeitet immer am engsten mit dem jeweiligen Spieler zusammen. In Meetings mit den Trainern und Bereichsleitern lasse ich mir regelmäßig ein Update über den aktuellen Stand geben, um vielleicht neue Maßnahmen daraus abzuleiten. Mit unserem Scouting-Direktor Steffen Korell und häufig auch mit U23-Trainer Heiko Vogel spreche ich morgens bei einem Kaffee über aktuelle Entwicklungen im Fußball. Auch Max Eberl kommt hier und da mal zu einem solchen Gespräch dazu. Daraus entwickeln sich oft Themen, die wir dann gemeinsam angehen. Die Idee eines Übergangstrainers ist aus einer solchen Diskussion hervorgegangen. Wir schauen immer, wo die Entwicklungen im Fußball hingehen und wie wir dementsprechend nachjustieren können. 

Fohlen-Hautnah: Mit Adi Hütter kommt im Sommer ein neuer Cheftrainer zu Borussia. Waren Sie im Vorfeld in die Trainersuche involviert und konnten Sie mit Hütter über seine Philosophie oder den Umgang mit Nachwuchsspielern sprechen?

Roland Virkus: Nein, die Auswahl des Cheftrainers ist Aufgabe des Lizenzbereiches. Nichtsdestotrotz holt sich Max Eberl natürlich hin und wieder auch unsere Meinung zu verschiedenen Themen ein. Unsere Wünsche besprechen wir mit Max – das sind aber keine Wünsche, die den Cheftrainer angehen. Dabei geht es zum Beispiel vielmehr darum, welcher unserer jungen Spieler, unserer Meinung nach, oben eine Chance bekommen sollte. Der Austausch mit der Lizenzabteilung ist grundsätzlich sehr eng, Max Eberl hat immer ein offenes Ohr für uns. 

Fohlen-Hautnah: Kommen wir mal zur Aktualität und der noch laufenden Spielzeit, die wie alles von der Corona-Pandemie geprägt ist. Sechs Spieltage vor Schluss rangiert die U23 mit 45 Punkten auf dem 13. Tabellenplatz. Sicherlich sind die Umstände, die die Pandemie gerade auch in der Ausübung des Spielbetriebs mit sich gebracht hat, zu berücksichtigen. Wie zufrieden sind Sie aber mit dem sportlichen Abschneiden? 

Roland Virkus: Beim Blick auf die Tabelle kann ich nicht zufrieden sein. Jetzt kommt jedoch das große ‚Aber‘. Die U23 ist bei uns das letzte Glied in der Ausbildungskette, ein Instrument, um Spieler auszubilden. Dazu war es wichtig, dass wir die Mannschaft zur laufenden Spielzeit wieder deutlich verjüngt haben. Uns war immer klar, dass sich das tabellarisch auswirken kann. Wenn man viele junge Spieler im Team und kein Gerüst aus erfahreneren Spielern hat, kann es schon mal eher passieren, dass man das eine oder andere Spiel verliert, in dem man eigentlich die deutlich bessere Mannschaft war. Das war bei uns zum Beispiel in Essen der Fall. Wir hatten in der ersten Halbzeit ein deutliches Chancenplus und haben am Ende 0:4 verloren. In den meisten Spielen in dieser Saison hatten wir eine Anfangsformation, die im Durchschnitt nicht älter als 20 Jahre war. Borussia Dortmund zum Beispiel hat eine ganz andere Struktur. Der Kader ist klar für den Aufstieg ausgelegt. In der U23 des BVB sind die Spieler rund zweieinhalb Jahre älter als bei uns – natürlich erhöht man damit die Chance, konstant gute Ergebnisse einzufahren. Dennoch haben wir uns bewusst für den eingeschlagenen Weg entschieden, weil wir glauben, dass er langfristig von Erfolg gekrönt ist. Darüber hinaus haben wir aus der Not eine Tugend gemacht: Aufgrund der Corona-Pandemie ist der Spielbetrieb in der A-Junioren-Bundesliga eingestellt worden. Deshalb haben wir im Laufe dieser Saison die besten Spieler aus der U19 in die U23 hochgezogen – zum Beispiel Mika Schroers und Michael Wentzel. Conor Noß haben wir nach seiner längeren Verletzungspause auch wieder in die Spur bekommen und nun nimmt er auch wieder eine hervorragende Entwicklung. Es ist sehr wichtig, die jungen Spieler wieder auf den Platz zu bringen. 

Fohlen-Hautnah: Genau wie Max Eberl in Bezug auf die Lizenzmannschaft sind auch Sie in der Phase, in der es für die U23 fünf Niederlagen am Stück gab, ruhig geblieben und haben den Trainer nicht in Frage gestellt. War man sich, aufgrund des eingeschlagenen Weges bewusst, dass Rückschläge kommen? 

Roland Virkus: Selbstverständlich. Als es um die Neubesetzung der Trainerstelle bei der U23 ging, war es uns wichtig, jemanden zu holen, der zum einen weiß, wie man mit Jugendspielern umgeht, der zum anderen aber auch weiß, was man braucht, um sich ‚oben‘ zu etablieren. Heiko Vogel vereint beides. Dementsprechend hat er uns sogar darauf hingewiesen, dass es bei der Arbeit mit jungen Talenten immer zu schwierigeren Phasen kommen kann. In den ersten Gesprächen mit ihm hat er von seiner Zeit beim FC Bayern erzählt. Auch dort sind ihm in einer Phase viele wichtige Spieler weggebrochen. In der Phase, in der uns viele Spieler gefehlt haben, ist er dann auf uns zugekommen und hat vorgeschlagen, die U19-Spieler schon zu diesem Zeitpunkt in die U23 hochzuziehen, und sie so schon auf die neue Saison vorzubereiten. Im Laufe der aktuellen Spielzeit wurde die Mannschaft dadurch nochmal jünger. Auch wenn wir viel Leergeld bezahlt haben, sind wir von diesen Entscheidungen weiterhin überzeugt. Und es gab zu keinem Zeitpunkt eine Diskussion um den Trainer Heiko Vogel. 

Fohlen-Hautnah: Apropos. Wenn Sie mal ein Jahr Heiko Vogel Revue passieren lassen – wie fällt ihr Fazit aus?

Roland Virkus: Wenn jemand von außen neu dazukommt, hat er auf viele Dinge einen anderen Blick als diejenigen, die schon lange im Verein sind. Heiko Vogel hat uns einen neuen Anstoß dafür gegeben, Themen innerhalb des Klubs zu reflektieren. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Sportlich gab es bisher Höhen und Tiefen, aber seine Verpflichtung war definitiv der richtige Schritt. 

Fohlen-Hautnah: Der primäre Auftrag des Unterbaus ist es, junge Spieler an die Profi-Mannschaft heranzuführen. Dennoch dürfte es mit so einem erfahrenen Trainer, wie es Heiko Vogel ist, auch das Ziel sein, in die 3. Liga aufzusteigen. Gerade auch, um den Sprung nach oben zumindest ligatechnisch zu verkürzen…

Roland Virkus: Unser oberstes Ziel ist es, in der U23 junge, talentierte Spieler auszubilden und an die Lizenzmannschaft heranzuführen. Dafür müssen wir auch die Strukturen der Mannschaft etwas festigen und stärken – mit den Verpflichtungen, die wir bereits für die neue Saison getätigt haben, haben wir dahingehend schon einen großen Schritt gemacht. Mit der Steigerung der Qualität dieser Mannschaft, erhöhen wir dann natürlich auch die Chance, oben mitzuspielen, und vielleicht in drei, vier Jahren um den Aufstieg zu spielen. In der Vergangenheit hatten wie häufig starke Jahrgänge, aus denen wir Spieler hervorgebracht haben, die sich später im Profifußball etabliert haben – und genau das wird für uns immer Priorität haben. 

Fohlen-Hautnah: Für die neue Spielzeit haben Sie in Enrique Lofolomo, Steffen Meuer und Phil Beckhoff bereits drei Spieler unter Vertrag genommen. Warum haben Sie sich für das Trio entschieden und wird es weitere personelle Veränderungen, sei es auf der Zu- oder Abgangsseite, geben? Immerhin laufen bei der U23 noch einige Verträge aus…

Roland Virkus: In erster Linie haben wie diese Spieler natürlich verpflichtet, weil sie in der Vergangenheit schon eine entsprechende Leistung abgerufen haben und wir gleichzeitig noch Entwicklungspotenzial in ihnen sehen. In der laufenden Saison haben wir bislang zu wenig eigene Tore erzielt. Viele unserer jungen Spieler wie Mika Schroers stecken einfach noch in der Adaptionsphase und müssen noch viel dazu lernen. Platt gesagt: In der Regionalliga ist es schwieriger, ein Tor zu erzielen als in der A-Jugend. Deshalb brauchen diese Spieler noch etwas Zeit, das ist ganz normal. Diese Zeit bekommen sie bei uns. Wir wollen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Strukturspielern und absoluten Top-Talenten in unserem Kader wissen. Demnach wird es sicherlich noch die eine oder andere Kaderveränderung geben. Uns fehlt zum Beispiel auch noch ein richtiger ‚Arbeiter‘ und ‚Antreiber‘. Ich bin mir aber sicher, dass wir mit einer guten Truppe in die neue Saison gehen werden. 

Fohlen-Hautnah: Welcher Spieler hat in Ihren Augen den größten Entwicklungsschritt gemacht und wer steht vielleicht nahe am Sprung zu den Profis?

Roland Virkus: Natürlich gibt es einige Jungs, die sehr interessant sind und großes Talent haben. Bei dem einen oder anderen vergisst man auch schon mal, wie jung dieser Spieler eigentlich noch ist. Rocco Reitz zum Beispiel, der inzwischen sein Profi-Debüt gegeben hat, wäre jetzt theoretisch erst in seinem ersten Seniorenjahr, genau wie Famana Quizera. Bei ihnen denkt man aber immer, dass sie schon lange Seniorenspieler sind. Ein hochinteressanter Spieler ist auch Luiz Skraback. Ihn haben wir ebenfalls mehr oder weniger aus der Not heraus schon vorzeitig aus der U19 in die U23 hochgezogen. Er ist eigentlich ein offensiver Spieler und musste, aufgrund von vielen Ausfällen, dann plötzlich in dieser Saison als Rechtsverteidiger spielen. Das hat er aber super angenommen und er hat seine Sache richtig gut gemacht. Nun ist er leider aufgrund eines Muskelbündelrisses schon seit zweieinhalb Monaten raus. Wir sind sehr froh, wenn er bald wieder dabei ist. Luiz ist ein richtiger ‚Borussia-Spieler‘, sehr schnell und dynamisch. 

Fohlen-Hautnah: Zwar hat Rocco Reitz bereits sein Debüt gegeben, nachhaltig empfehlen konnte er sich bisher aber nicht. Welche Gründe machen Sie dafür aus?

Roland Virkus: Rocco Reitz hat eine überragende Saison in der U19 gespielt und hat sich dadurch für den Kader der Lizenzmannschaft empfohlen. Im Profibereich sind die Umfänge und Intensitäten jedoch völlig anders als im Jugendbereich. Der Profi-Fußball ist vor allem in den vergangenen Jahren nochmal schneller und dynamischer geworden. Als Spieler, der aus der Jugend hochkommt, muss man sich hieran erst einmal gewöhnen. Auch die Gefahr für eine Verletzung ist dann erst einmal höher – obwohl natürlich alle möglichen Präventionsmaßnahmen getroffen werden. Rocco hat sich dann leider nach seinem ersten Einsatz für die Lizenzmannschaft eine Verletzung zugezogen. Um anschließend wieder auf das alte Niveau zu kommen, braucht es wieder einige Zeit. Hinzu kommt, dass Borussia unter anderem in Christoph Kramer, Florian Neuhaus, Denis Zakaria und in der Offensive in Lars Stindl eine enorme Qualität hat. Sich da durchzusetzen ist für einen jungen Spieler alles andere als einfach, das muss man ehrlich sagen. Trotzdem ist Rocco zu seinen ersten Einsätzen gekommen und ich bin fest davon überzeugt, dass er ein fester Bestandteil des Kaders der Lizenzmannschaft werden kann, wenn er sich stabilisiert und aus Erfahrungen lernt. 

Fohlen-Hautnah: Bei vielen anderen Bundesliga-Vereinen, wie beispielsweise Borussia Dortmund, werden junge Spieler viel schneller ins „kalte Wasser“ geworfen. Bei Borussia ist das eher nicht der Fall. Hat das Gründe? 

Roland Virkus: Dortmund geht einen anderen Weg als wir. Der BVB verpflichtet in der Regel Spieler, die schon eine hohe Qualität haben und nicht mehr viel Entwicklungszeit benötigen. Dadurch können die Spieler früher ins ‚kalte Wasser‘ geworfen werden. Jude Bellingham ist so ein Beispiel. Vor seinem Wechsel nach Dortmund hat er bereits auf hohem Niveau, nämlich in der zweiten englischen Liga gespielt (Birmingham City). Dafür hat er Dortmund aber auch eine hohe Ablösesumme gekostet (Anm. d. Red.: Laut ‚transfermarkt.de‘ 23,00 Millionen Euro). Der BVB holt Spieler, die schon fast fertig sind, bei denen nur noch der letzte Feinschliff fehlt. Wir hingegen müssen schon früh erkennen, welche Spieler echte Diamanten sind, und sie dann noch lange schleifen. Das ist der große Unterschied. Wir bilden Spieler, wie beispielsweise Rocco Reitz von der U9 an bei uns aus, und bereiten sie intensiv auf die Profikarriere vor. Wenn für einen so jungen Spieler jedoch zweistellige Millionensummen fließen, dann sollte dieser Spieler natürlich auch sofort funktionieren. 

Fohlen-Hautnah: Das ist aber eine Entwicklung im Fußball, die immer weiter voran schreitet, oder? Wenn in solch einem Alter schon enorme Ablösesummen fließen, ist das ein Zeichen… 

Roland Virkus: In der Tat geht die Entwicklung leider dahin, dass schon sehr junge Spieler immer teurer werden. Da sprechen wir mittlerweile von 15 oder 20 Millionen Euro für ein Top-Talent. Diese Summen kann Borussia für einen so jungen Spieler nicht aufbringen, für uns ist es daher sehr schwierig, solche Spieler zu verpflichten. So gehen wir unseren eigenen Weg und konzentrieren uns auf unseren eigenen Nachwuchs – das kann eine große Chance sein. Das setzt natürlich immer voraus, dass die Qualität vorhanden ist. 

Fohlen-Hautnah: Inwiefern hat sich der Kampf um die jungen Talente generell verändert und wie schwer ist es da gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie?

Roland Virkus: Aufgrund der Corona-Pandemie musste sich einiges verändern – schließlich können wir seit einiger Zeit keine Spiele mehr sehen. Die Jugendspiele haben lange Zeit nicht stattgefunden und als sie stattgefunden haben, durften keine Zuschauer vor Ort sein. Daher mussten wir vieles durch Video-Scouting auffangen. Aber das ersetzt auf keinen Fall das Scouting vor Ort im Stadion. Man muss nun abwarten, wann der Markt sich in Bewegung setzt.

Fohlen-Hautnah: Max Eberl hat schon betont, dass es aufgrund der Corona-Krise in der kommenden Transferperiode wieder auf Kreativität ankommt. Ist das vielleicht für einen Nachwuchsspieler die Chance, sich Nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren? 

Roland Virkus: Auf jeden Fall. Das ist eine Riesenchance, nicht nur für junge Spieler bei Borussia Mönchengladbach, sondern in ganz Deutschland. Natürlich geht ein Verein immer auch ein gewisses Risiko ein, wenn er einen Nachwuchsspieler in der Bundesliga ins „kalte Wasser wirft“, weil ein Nachwuchsspieler nicht immer direkt auf Anhieb funktioniert. Man muss in diesem Fall schon mal Zeit und Geduld aufbringen. Macht man das, ist es aber auch eine große Chance. 

Fohlen-Hautnah: Aktuell oder vielmehr vor der Pandemie sind schon sehr hohe Ablösesummen geflossen, das haben wir thematisiert. Was glauben Sie passiert nach der Corona-Pandemie? Gehen die Ablösesummen noch mehr durch die Decke? 

Roland Virkus: Das ist schwierig vorherzusagen. Mögliche Ablösesummen hängen immer von Angebot und Nachfrage auf dem Markt ab. Ich glaube aber, dass es immer weniger Top-Talente auf dem Markt geben wird. Als wir vor vielen Jahren damit begonnen haben, waren wir einer der wenigen Vereine, die professionell gescoutet haben. Mittlerweile hat aber jeder Klub gute Scouts beschäftigt, sodass die wenigen Spieler auf dem Markt immer mehr Interessenten wecken und die Preise dadurch in die Höhe schießen. Für den absoluten Top-Spieler wird es immer einen Markt geben, für den eher ‚durchschnittlichen‘ Spieler wird es, meiner Meinung nach, in Zukunft deutlich schwieriger.