Filip Daems trug sehn Jahre das Borussen-Trikot und war auch Kapitän der Fohlen. Foto: Dirk Päffgen.

Zehn Jahre spielte Filip Daems für Borussia Mönchengladbach und brachte es in seiner Zeit auf 232 Pflichtspieleinsätze. Im Juli 2017 beendete der ehemalige Kapitän der Fohlenelf beim KVC Westerlo seine aktive Laufbahn. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 42-Jährige Belgier unter anderem vor allem über seine Zeit bei Borussia, seine ‚Nachfolger‘ Ramy Bensebaini und Joe Scally und gibt Einblicke in den VV St. Truiden ,wo Rocco Reitz auf sich aufmerksam machen möchte.

Fohlen-Hautnah: Es ist ruhig geworden um Filip Daems. Was machst Du aktuell? Vor zwei Jahren hast Du uns erzählt, dass Du dabei bist, Deine Trainerscheine zu machen. Wie weit bist Du damit?

Filip Daems: Das stimmt, ich habe meine Trainerschein angefangen, den B-Schein habe ich bereits fertig. Die A-Lizenz verzögert sich leider durch Corona etwas, denn ich konnte dadurch kein Training leiten und musste viel über virtuelle Meetings machen. Das war nicht so schön, deshalb habe ich auch eine Pause eingelegt. Jetzt muss ich mal schauen, dass ich den Lehrgang fortsetze. Ansonsten arbeite ich bereits seit dreieinhalb Jahren in einer Firma, das macht mir Spaß. Ansonsten bin ich ab und an auch Co-Kommentator im belgischen Fernsehen.

Fohlen-Hautnah: Du hast Deine Karriere im Sommer 2017 beendet. Juckt es manchmal noch?

Filip Daems: Ich habe mein ganzes Leben Fußball gespielt und hatte eine lange Karriere. Wenn ich auf sie zurückblicke, dann bin ich stolz, was ich erreicht habe. Ich schaue zwar noch sehr viel Fußball, aber vermissen tue ich ihn jetzt nicht. Es war eine lange, intensive und schöne Zeit. Deshalb ist das Karriereende auch völlig in Ordnung für mich.

Fohlen-Hautnah: Inwiefern kannst Du dir denn vorstellen, in der Zukunft als Trainer zu arbeiten? 

Filip Daems: Ich habe einen normalen Job und am Wochenende bin ich oft Co-Kommentator. Unter der Woche arbeite ich in einem großen Lager in Belgien (Roland DG Benelux, An. d. Red.), wir übernehmen dort für ganz Europa die Logistik. Ich hatte schon ein paar Anfragen für einen Trainerjob, aber nicht aus einer ersten Liga. Generell muss man, wenn man in das Trainergeschäft einsteigt, zu hundert Prozent dahinter stehen. Bisher hatte nicht das richtige Gefühl, um so einen Job anzunehmen. Möglich ist das aber natürlich. Man weiß nie, was die Zukunft bringt. Wenn das richtige Angebot kommt, muss man sicherlich überlegen – und das werde ich dann auch.

Fohlen-Hautnah: Du warst zehn Jahre bei Borussia. Eine unheimlich lange Zeit und selten im Fußball-Geschäft. Kam für Dich nie etwas anderes infrage?

Filip Daems: Im Fußball kann immer viel passieren, es manchmal sehr schnell gehen. Zu Beginn meiner Karriere bei Borussia habe ich natürlich nicht damit gerechnet, dass ich zehn Jahre dort spiele. Es war eine sehr schöne Zeit. Für mich ist es bei Borussia gut gelaufen und ich habe mich immer wohl gefühlt. Deshalb ist es für mich nicht infrage gekommen, den Verein zu wechseln. Es gab sicherlich Anfragen von anderen Vereinen, aber ich habe mich immer sehr wohl gefühlt bei Borussia. Auch der Respekt vom Verein und den Fans war immer da. Warum hätte ich dann wechseln sollen. Ich habe bei einem großen Traditionsverein in Deutschland gespielt. Ich habe keinen Punkt gesehen, dass ich mich woanders verbessern kann. Ich bin auch stolz darauf, dass ich viele Jahre Kapitän war. Es war einfach eine schöne Zeit bei Borussia. 

Fohlen-Hautnah: Du hast auch mit Patrick Herrmann zusammengespielt. Flaco hat jüngst sein 300. Bundesliga-Spiel absolviert, alle für Borussia. Was sagst Du dazu?

Filip Daems: Patrick kenne ich ja auch sehr lange. Ich kann mich noch gut an sein erstes Bundesligaspiel 2010 erinnern. Da war er 19 Jahre jung und kam in Bochum in der 79. Minute für mich ins Spiel. Kaum war er drin, hat er die Vorlage für das Tor von Fabian Bäcker gegeben. Elf Jahre später hat er 302. Bundesliga-Einsätze auf dem Buckel. Das hat man zum damaligen Zeitpunkt natürlich nicht vorhersehen können. Das ist einfach überragend. Es ist für einen Verein und den Spieler selbst immer Goldwert, wenn man solch eine Bindung zum Klub hat. Man hat damals schon gesehen, dass Flaco sehr viele Qualitäten hat. Die hat er all die Jahre unter verschiedenen Trainern unter Beweis gestellt und macht es nach wie vor. Aber man erkennt an so einem Beispiel auch, dass Borussia eben ein familiärer Verein ist, in dem man sich wohlfühlt.

Fohlen-Hautnah: Was macht für Dich Borussia aus? 

Filip Daems: Wie ich schon gesagt habe. Borussia ein ein Familien-Klub, in dem sich die Spieler sich sehr wohl fühlen. Es ist ein großer Verein, die Fans kommen aus ganz Deutschland. Überall, wo Borussia spielt gibt, es Fans. Teilweise kommen sie ja auch aus dem Ausland. Die Historie des Vereins ist ebenso sehr groß, die goldenen 70er nicht zu vergessen. Und auch die jüngste Vergangenheit kann sich durchaus sehen lassen. Der Verein ist sehr solide und gesund geführt. 

Fohlen-Hautnah: Anlässlich des 120. Geburtstag der Borussia im letzten Jahr haben die Fans für ein jeweiliges Jahrzehnt ein Team gewählt. Du wurdest in die Mannschaft 2000er-Jahre gewählt und stehst dort in der Abwehr mit Max Eberl, Marcell Jansen und Jeff Strasser. Eine Wahl, die Dich sicherlich stolz macht…

Filip Daems: Das ist eine sehr schöne Auszeichnung, vielen Dank! Als Spieler ist das extrem viel Wert, wenn man solch eine Anerkennung von den Fans bekommt. Es ist extrem wichtig, dass du die Fans im Rücken hast. Das pusht dich enorm und du kannst noch mehr Prozente aus dir rausholen.

Fohlen-Hautnah: Aprops max Eberl. Wie bewertest Du die Arbeit von Max, den Du ja auch sehr gut kennst.

Filip Daems: Er macht bei Borussia einen super Job. Er hat in all den Jahren eine super Arbeit gemacht und macht sie nach wie vor. Der Klub war am Rande des Abstiegs und spielt nun regelmäßig um das internationale Geschäft. Daran hat auch Max einen sehr großen Anteil. Man kann nur den Hut vor Max und seinem Team ziehen. Ich hatte mit Max immer gute und ehrliche Gespräche. 

Fohlen-Hautnah: Du hast auch mit Mike Hanke zusammengespielt, der nun Trainer bei der U19 ist. Kannst Du Dir generell auch einen Job bei Borussia vorstellen? 

Filip Daems: Das ist für Mike und den Verein natürlich eine tolle Sache. Für den Verein ist es wichtig, ehemalige Spieler einzubinden. Sie kennen den Klub und die Philosophie, brauchen keine Eingewöhnungszeit und wissen, wie alles funktioniert. Mike kennt den Klub aus seiner Zeit bei Borussia sehr gut und wird den jungen Spielern helfen. Mike wird seinen Weg gehen, weil er auch ein super Typ ist. Ich glaube, für beide Seiten ist das eine sehr gute Lösung. Was meine Person betrifft kann kann man so etwas natürlich nie ausschließen. Das will ich auch nicht. Aber es muss dann alles passen.

Fohlen-Hautnah: Du bist auch für die Weissweiler Elf aktiv…

Filip Daems: Genau. Vor Corona habe ich sehr oft mitgespielt. Das macht mir auch Spaß. Vor allem die Hallenturniere im Winter sind immer tollte Veranstaltungen. Fußballspielen macht mir nach wie vor Spaß, das habe ich mein ganzes Leben lang gemacht. Es ist immer wieder schön, mit den Jungs zusammenzuspielen.

Fohlen-Hautnah: Apropos Borussia. Schaust Du noch auf das, was Dein Ex-Klub macht und wenn ja – wie bewertest Du den Saisonstart?

Filip Daems: Natürlich verfolge ich Borussia, das ist doch ganz klar. Das Pokalspiel in Kaiserslautern war schwierig. Es ist als Favorit immer unangenehm, gegen unterklassige Gegner zu spielen. Das zählt es primär, zu gewinnen. Das hast die Mannschaft geschafft. Gegen Bayern hat Borussia ein tolles Spiel absolviert. Das Spiel gegen Leverkusen habe ich nicht live verfolgt, habe aber eine Zusammenfassung gesehen. Bayer war einfach ein Stück besser, das muss man ehrlich sagen. Es war eine herbe Niederlage gegen Leverkusen, die Verletzungen einiger Spieler tun natürlich auch weh, auch mit Hinblick auf die nächsten Spiele. In diesem Spiel kam alles Negative zusammen. Gegen Union Berlin gab es dann die nächste bittere Niederlage. Hoffentlich waren das nur Ausrutscher. 

Fohlen-Hautnah: Was glaubst Du, ist in dieser Spielzeit für den VfL möglich und wird man Dich mal wieder im Borussia-Park sehen?

Filip Daems: Adi Hütter hat bei seinen vorherigen Stationen sehr gute Arbeit geleistet. Max Eberl wird sicherlich den richtigen Trainer gefunden haben. Er kann die Mannschaft bestimmt noch ein Stück weiter bringen. Es wird spannend zu sehen, inwiefern das Team zusammenbleibt. Borussia kann aber immer unter die ersten Sechs kommen. 

Fohlen-Hautnah: Wann wird man Dich denn nochmal im Borussia-Park sehen? 

Filip Daems: Ich hoffe bald, denn mein Sohn fragt mich auch immer, wann wir nochmal ins Stadion fahren. Er war schon immer mit im Stadion und ist großer Fan von Borussia. So schnell wie möglich auf jeden Fall, denn wie viele andere Fans auch vermisse ich das Stadion.

Fohlen-Hautnah: In der Bundesliga sind die Fans, wenn auch nicht in voller Zahl, zurück in den Stadien. Wie hast Du die Atmosphäre wahrgenommen?

Filip Daems: Es war eine super Atmosphäre und es ist toll, dass die Fans wieder ins Stadion dürfen. Über ein Jahr ohne Fans spielt zu müssen, ist schon hart. Man hat sich zwar ein bisschen daran gewöhnt, aber auch in anderen Ländern ist es schön zu sehen, dass die Stadien wieder mit Fans relativ voll sind. Die Fans gehören einfach dazu. Für einen Spieler ist es einfach wichtig, dass Fans da sind. Sie können ein Spiel in eine Richtung lenken und die Mannschaft puschen. Es ist schön zu sehen, dass es wieder fast ist wie früher. In Belgien durften vor drei Wochen die hälfte der Fans in die Stadien, jetzt dürfen die Stadien sogar wieder komplett gefüllt werden.

Fohlen-Hautnah: Auf Deiner Position gibt es in Ramy Bensebaini und dem 18-jährigen Joe Scally zwei neue Spieler. Kennst du deine Nachfolger?

Filip Daems: Joe Scally kannte ich zwar vorher nicht, aber er hat in den ersten beiden Spielen gegen Kaiserslautern und gegen Bayern einen klasse Job gemacht und gezeigt, dass er seine Qualitäten hat. Er muss sicherlich noch viel lernen, dazu hat er aber gute Teamkollegen an seiner Seite, von denen er viel lernen und mitnehmen kann. Ramy Bensebaini war in der vergangenen Saison ein absoluter Leistungsträger. Er ist sehr athletisch und mit einer richtig gute Technik ausgestattet. Mir gefällt seine Spielweise, denn er geht auch bissig in die Zweikämpfe. Er bringt viel mit, was man von einem Linksverteidiger erwarten kann. Es macht mir Spaß, ihn spielen zu sehen. 

Fohlen-Hautnah: In Deutschland gibt es des Öfteren Diskussionen um den VAR, zuletzt war Borussia im Spiel gegen Bayern auch davon betroffen. Wie funktioniert das bei euch in Belgien?

Filip Daems: Als der VAR eingeführt wurde, gab es auch in Belgien viele Diskussionen und es sind Fehler passiert. Mittlerweile wird es aber immer besser. Ich verstehe aber nicht, wieso die Elfmeter gegen Bayern nicht gepfiffen wurden und sich der Schiedsrichter nicht die Szenen angeschaut hat. Insgesamt ist der VAR aber eine Verbesserung für den Fußball, auch wenn noch viele Fehler passieren. 

Fohlen-Hautnah: Viele junge Spieler können sich bei Borussia nicht mehr allzu nachhaltig durchsetzen, zumindest aus dem eigenen Nachwuchs. Was denkst Du, haben es junge Spieler heutzutage schwerer?

Filip Daems: Generell setzten viele Vereine auf die Jugend, auch Borussia tut man das. Man darf aber nicht erwarten, dass jedes Jahr zwei, drei Spieler aus der Jugend in die erste Mannschaft kommen. Damit das gelingt, spielen viele Faktoren eine Rolle. Es sind bei dem einen oder anderen jungen Spieler eben nicht immer die Qualitäten vorhanden, dass man sie direkt einsetzen kann. Viele junge Spieler träumen natürlich davon, Profi zu werden, aber das gelingt nicht vielen. Das ist von vielen Faktoren abhängig. Talent gehört sicherlich dazu, aber man muss hart abreiten, auch das nötige Quäntchen Glück haben und mit Verletzungen und auch mit Kritik umgehen können. Grundsätzlich ist es heutzutage aber wichtig, auf die Jugend zu setzen. Denn wenn dann mal so ein Spieler richtig einschlägt, ist er eben auch eine Art Wertanlage. Man kann ihn dann unter Umständen für viel Geld transferieren. Davon leben auch viele Vereine.

Fohlen-Hautnah: So ein Spieler bei Borussia könnte Rocco Reitz werden. Er gehört sicherlich zu den vielversprechenden Talenten. Aktuell spielt er auf Leihbasis bei VV St. Trudien in Belgien. Was kannst Du uns über den Klub erzählen und denkst Du, es ist ein guter Schritt, in der belgischen Liga Spielpraxis zu sammeln?

Filip Daems: Ich habe Rocco zwar noch nicht spielen sehen, aber ich werde auf jeden Fall mal ein Auge auf ihn werfen. Natürlich ist es für ihn und seine Entwicklung wichtig, dass er Spielpraxis bekommt. Auch wenn man aus der Bundesliga kommt, ist es aber nicht so einfach. Man kann nicht sagen, ich komme aus der Bundesliga und spiele jetzt direkt bei einem etwas kleineren Verein der belgischen Liga. So einfach ist es nicht. Er muss sich auch bei St. Trudien durchsetzen und jeden Tag zeigen, dass man an ihm nicht vorbeikommt. Das wird keine leichte Aufgabe. Der Wechsel in die belgische Liga ist aber auf jeden Fall ein wichtiger Schritt und eine gute Erfahrung für ihn. Das wird ihm guttun. St. Trudien ist ein kleiner Verein in Belgien, sie spielen als einziger Klub in der Liga auf Kunstrasen. Daran muss man sich auch erstmal gewöhnen. Für technisch gute Spieler wie Rocco Reitz kann das aber ein Vorteil sein, weil man immer gute Bedingungen hat. 

Fohlen-Hautnah: Was wünscht Du Dir abschließend für deine Zukunft?

Filip Daems: Natürlich Gesundheit für meine Familie, Freunde und mich. Ansonsten bin ich zufrieden, wie es aktuell läuft. So darf es ruhig weitergehen.