Rouven Schröder und Alexander Blessin bei der offiziellen Vorstellung. Foto: Dirk Päffgen
Eine Zeitrechnung beginnt bei Borussia Mönchengladbach. Ab sofort übernimmt Alexander Blessin die Fohlenelf und soll sie vor allem zunächst stabilisieren. Am Mittwoch wurde der 53-Jährige in einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt. Und er hat eine klare Vorstellung und Prinzipien, mit denen er nun die Arbeit aufnimmt.
Alexander Blessin über:
… seine Entscheidung für Borussia:
Ich freue mich wie Bolle. Als der Anruf kam und ich mich intensiv mit Borussia beschäftigt habe, war die Freude natürlich groß. Man muss niemandem etwas vom Pferd erzählen: Das ist ein großer, traditionsreicher Klub mit einer brutalen Fanbase und einer Stadt, in der Borussia eine enorme Bedeutung hat. Dazu kam die Kommunikation mit Rouven. Wir haben uns sehr gut ausgetauscht. Ich hatte zuletzt etwas Zeit, mein Energielevel wieder aufzuladen. Gleichzeitig habe ich Borussia natürlich verfolgt. Ich bin in den vergangenen Jahren mehrfach hier gewesen und bin immer wahnsinnig gerne hierhergekommen. Diese Atmosphäre ist außergewöhnlich. Ich sehe in der Mannschaft Potenzial. Natürlich gibt es Probleme, die können wir nicht wegdiskutieren. Ich bin mir der Verantwortung bewusst und gehe die Aufgabe mit Demut an, weil ich weiß, wie stark die Bundesliga ist. Aber ich habe der Mannschaft auch gesagt, dass ich sie qualitativ so einschätze, dass man mehr aus ihr herausholen kann. Das wird kein Fahrstuhl, sondern eine Treppe. Wir müssen Step by Step gehen. Es wird harte Arbeit, Prinzipien in die Mannschaft hineinzubringen, die den Jungs helfen, ihre Möglichkeiten abzurufen.
… die vielen Gegentore:
Wir brauchen Stabilität. Die vielen Gegentore können wir nicht wegdiskutieren. Aber daran ist nicht nur die letzte Kette schuld. Wir verteidigen zusammen und wir greifen zusammen an. Dieses Gedankengut muss von Anfang an in die Köpfe. Wenn Gegentore entstehen, sind meistens nicht nur ein Fehler, sondern zwei oder drei Fehler vorher passiert. Man hat mehrfach die Möglichkeit, diese Fehlerkette zu unterbrechen. Lasse ich einen Spieler beispielsweise ungestört flanken, entsteht schon ein Problem. Gleichzeitig muss es eine klare Positionierung in der Box geben. Gerade hier zu Hause im Borussia-Park brauchen wir gegen den Ball eine klare Linie und müssen eine Intensität an den Tag legen, die wichtig ist.
… seine Spielidee:
Wenn man ein bisschen recherchiert hat, weiß man, dass ich aus der RB-Schule komme und auch von Ralf Rangnick geprägt worden bin. Dazu kommt Helmut Groß, gerade was ballorientiertes Verteidigen betrifft. Es geht um Gegenpressing, Pressing generell und eine mutige Spielweise. Das waren die ersten Jahre meines Werdegangs in der Akademie in Leipzig. Natürlich entwickelt man sich als Trainer weiter. Es wäre schade, wenn man irgendwann stehen bleiben würde. Man muss immer schauen: Welche Spieler habe ich und was kann ich mit ihnen umsetzen. In Ostende hatte ich viele Spieler, die extrem marschieren konnten. In Italien war es wieder anders. Als Trainer darf man seine Philosophie nicht komplett beiseiteschieben, aber man muss schauen, wie man das Beste aus seiner Mannschaft herausholt. Bei Union Saint-Gilloise hatten wir eine unglaubliche Mentalität und eine große Gier auf Balleroberungen. Gleichzeitig wollten wir Fußball spielen. Beides miteinander zu verbinden, ist natürlich das Schönste. Es geht um Mut, Intensität und Umschaltmomente. Ich spreche dabei gerne von einem synchronen Schwarmverhalten – gegen den Ball und mit dem Ball.
… das fehlende Selbstvertrauen:
Selbstvertrauen holt man sich nicht nur zurück, indem man einen tollen 50-Meter-Pass spielt. Der einfachste Weg führt über die Basics. Es geht um Zweikämpfe. Gewinne ich einen Zweikampf, merke ich: Es geht. Dadurch entsteht wieder Vertrauen und ich traue mir im Spiel mehr zu. Dazu kommt die Gruppendynamik. Wir werden Videos anschauen und zeigen, welche Abläufe wir haben wollen. Ich arbeite gerne mit Prinzipien und weniger mit starren Mustern. Die Spieler sollen Situationen schneller erkennen können. Natürlich gehören auch Einzelgespräche dazu. Ich möchte die Spieler bestärken und ihnen Vertrauen geben. Aber eines ist klar: Wer mitzieht, wird belohnt. Gegen den Ball braucht es Disziplin und da muss jeder mitmachen. Das ist für mich ein eisernes Gesetz.
… seinen Trainercharakter:
Ich glaube, mit dem Alter wird man etwas ruhiger. Aber die Emotion steckt nach wie vor in mir und die will ich auch ausleben. Ich bin nicht der Typ, der 90 Minuten auf der Trainerbank sitzt und alles nur betrachtet. Ich möchte helfen und aktiv sein. Manchmal sehen die Schiedsrichter das vielleicht etwas anders. Da muss ich mich hin und wieder zurücknehmen. In der vergangenen Saison bin ich dann manchmal zur Trinkflasche gegangen. Denn solange ich aus der Flasche trinke, kann ich nichts sagen und halte in diesem Moment die Klappe. Ich erwarte viel von mir selbst und ich erwarte viel von der Mannschaft. Das werde ich in jedem Training einfordern.
… Gartenarbeit als Ausgleich:
Gartenarbeit mache ich gerne. Die habe ich zuletzt auch genutzt, um den Kopf freizubekommen. Dabei kann man zur Ruhe kommen und hat gute Gedankengänge.
… die aktuelle sportliche Situation:
Über langfristige Dinge müssen wir jetzt noch nicht sprechen. Es geht zunächst um die kurzfristige und mittelfristige Entwicklung. Wie schaffen wir es, möglichst schnell Input zu geben? Wie schaffen wir es, die Situation nach den vier Spielen ohne Punkte zu verändern? Danach geht es um Entwicklung. Das ist ein Prozess. Wir können nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Ich möchte die Situation nicht kleinreden. Sie ist prekär und wir brauchen Punkte. Aber gleichzeitig müssen wir einen Prozess einhalten.
… die Fans im Borussia-Park:
Wir müssen als Mannschaft den ersten Schritt machen, damit wir die Fans wieder mitnehmen können. Das funktioniert sehr schnell über die Basics. Wenn die Menschen im Stadion sehen, was die Spieler auf dem Platz leisten, wenn einer nachsetzt, einen Ball blockt oder einen Weg für den anderen macht, entsteht schnell wieder etwas. Aus kleinen Dingen können große Resultate entstehen. Wir wollen hier im Stadion wieder eine Faust bilden. Jeder Gegner soll ungern hierherkommen und wissen, wie schwierig es ist, gegen Borussia Mönchengladbach zu spielen. Wir müssen wieder eine gewisse Aggressivität und Mentalität hineinbringen. Es liegt an uns, die Fans davon zu überzeugen.
… das kommenden Rheinische Derby:
Ein Derby ist etwas absolut Geiles. Ich habe das in Genua und in Hamburg erlebt. Ich freue mich wahnsinnig darauf. In Hamburg herrscht rund um das Derby ein Ausnahmezustand. Schon zwei Wochen vorher wird fast nur noch darüber gesprochen. Wenn man dieses Spiel dann gewinnt, ist das natürlich ein tolles Gefühl. Am Ende gibt es dafür trotzdem nur drei Punkte. Aber ein Derby kann eine Initialzündung sein. Das wollen wir natürlich auch für uns nutzen.
… die Länderspielpause vor dem Derby:
Eine Länderspielpause klingt zunächst immer so, als hätte man viel Zeit. Natürlich ist es dann suboptimal, wenn einige Spieler erst zwei Tage vor dem Spiel zurückkommen. Zum Glück spielen wir am Sonntag und haben dadurch noch etwas Zeit. Wir werden mit den Spielern, die da sind, intensiv arbeiten und versuchen, diejenigen, die später dazukommen, möglichst schnell abzuholen.
… seine Zeit beim FC St. Pauli:
Ich werde nie schlecht über etwas Vergangenes reden. Das war eine schöne Zeit. Das erste Jahr war sehr erfolgreich, das zweite nicht ganz so. Wir hatten Höhen und Tiefen, positive und negative Phasen. Die negativen Phasen waren zu lang und haben letztlich dazu geführt, dass wir abgestiegen sind. Trotzdem nehme ich aus jeder Facette dieser Zeit etwas Positives mit. Ich habe mich als Trainer weiterentwickelt. Als Trainer lernt man nie aus. Es gibt immer Situationen, in denen man neue Erfahrungen sammelt und beim nächsten Mal vielleicht anders reagiert.
… seinen ersten Einsatz auf der Bank:
Ich möchte in Siegen dabei sein und werde deshalb auch direkt auf der Bank sitzen. Bestimmte Abläufe sind bereits vorgegeben. Ich werde mir das anschauen und wir werden der Mannschaft vorher drei oder vier Punkte per Video zeigen, die uns wichtig sind. Beim aktiven Coaching werde ich mich zunächst noch etwas zurückhalten.
… seinen Co-Trainer Niklas Lanwehr:
Niklas Lanwehr hat bereits mit mir bei St. Pauli zusammengearbeitet und wird das Trainerteam unterstützen. Ich freue mich, dass er den Weg hierher ebenfalls mitgeht.
… Pressing und Intensität:
Man muss die Idee auf jeden Fall an die Mannschaft anpassen. Wenn ich mir die Daten im Vergleich zur vergangenen Saison anschaue, sind einige Werte bereits nach oben gegangen. Damit kann man arbeiten. Für mich ist aber nicht nur die gesamte Laufdistanz entscheidend. Es geht um andere Dinge: Sprintfähigkeit, Abbremsbewegungen und intensive Aktionen. Phasen zum Ausruhen sollte es möglichst im eigenen Ballbesitz geben. Gegen den Ball kann man nicht schlafen und sich nicht ausruhen. Pressing-Trigger, Kompaktheit und Klarheit gegen den Ball werden elementar wichtig. Natürlich gibt es Phasen, in denen Spieler müde werden. Dann kann ich in der 60. oder 70. Minute wechseln und frische Spieler bringen. Dort hinzukommen, wo wir hinwollen, wird ein längerer Weg. Diesen Prozess müssen wir gehen.
… die Stärken des Kaders:
Der Kader ist sehr ausgeglichen. Wir haben junge Spieler, die den nächsten Schritt machen können, und erfahrene Spieler, die vorneweg gehen können. Diese Mischung gefällt mir. Gerade offensiv sehe ich Qualität und Flexibilität. Man kann auch während eines Spiels unterschiedliche Dinge machen. Auch defensiv gibt es erfahrene Spieler und junge Talente dahinter. Jeder ist wichtig und jeder bekommt Verantwortung. Diese Verantwortung muss dann aber auch jeder tragen. Entscheidend ist der Teamgedanke. Die Bundesliga ist zu stark, um nur über individuelle Qualität zu kommen. Wir haben nicht die individuelle Stärke eines FC Bayern. Deshalb müssen wir über die Mannschaft kommen. Wenn wir als Team 100 Prozent erreichen, können wir Spiele gewinnen – und nicht nur wenige davon.
… Eugen Polanski:
Ich schätze die Arbeit von Eugen sehr. Vielleicht ergibt sich irgendwann die Möglichkeit für ein Gespräch. Bislang war es allerdings noch nie so, dass ich direkt mit meinem Vorgänger telefoniert habe. Jetzt möchte ich mich erst einmal komplett auf das bestehende Staff-Team einlassen und mir selbst ein Bild machen.
… mögliche personelle Veränderungen:
Ich komme nicht hierher, um irgendjemanden zu rasieren. Jeder bekommt die Möglichkeit, in die Mannschaft zu kommen. Die Tür ist für jeden offen, der diesen Weg mitgehen möchte. Jeder kann sich über seine Trainingsleistung und über die Spiele zeigen. Wir werden sehr genau darauf schauen: Wer nimmt die Dinge an und wer ist bereit, diese Schritte mitzugehen. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu beweisen. Und jeder kann gegen Köln auf dem Platz stehen.
… Respekt und Disziplin:
Ich bin ein Trainertyp, der es mag, wenn auch Spaß dabei ist. Das gehört dazu. Aber es gibt Dinge, über die wir nicht diskutieren: Respekt und Disziplin. Das werde ich vorleben und von der Mannschaft einfordern. Respekt hat beispielsweise auch mit Pünktlichkeit zu tun und damit, wie man innerhalb einer Mannschaft miteinander umgeht. Man darf sich auch einmal anschnauzen. Wo Reibung ist, entsteht Wärme. Das gehört dazu. Aber alles muss in einem gewissen Rahmen bleiben. Danach gibt man sich die Hand.
… die freien Tage der Mannschaft:
Natürlich möchte man als neuer Trainer möglichst schnell auf dem Platz stehen und arbeiten. Aber mir ist auch wichtig, dass die Mannschaft einen freien Kopf bekommt. In den vergangenen Tagen und Wochen ist sehr viel auf die Spieler eingeprasselt. Was ich überhaupt nicht möchte, ist, dass wir uns in eine Opferrolle begeben. Das müssen wir sofort wegschieben. Wir nehmen die Situation an und stellen uns dagegen. Wir wollen nicht einknicken. Gleichzeitig braucht man manchmal etwas Abstand, um den Kopf frei zu bekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, an den freien Tagen zunächst nichts zu verändern. Die Arbeit wird früh genug kommen – und sie wird schweißtreibend und hart.
… die Verantwortung für Borussia:
Ich gehe diese Aufgabe mit Demut an. Ich weiß, welche Power und Strahlkraft dieser Verein gemeinsam mit seinen Fans besitzt. Ich habe mir darüber natürlich Gedanken gemacht. Ich möchte mich dieser Verantwortung stellen und vorneweg gehen. Dafür werde ich alles tun und versuchen, die Jungs mitzureißen, damit wir aus einer momentan schlechten Zeit wieder eine gute Zeit machen. Am Ende liegt es an uns, dieses Momentum wieder ins Positive zu drehen.
… taktische Flexibilität:
Entscheidend ist immer die Frage: Was hilft der Mannschaft? Ich finde es gut, eine gewisse Variabilität zu haben. Ich habe in der Vergangenheit sowohl mit einem 3-5-2 als auch mit einem 3-4-3 gespielt und war mit beiden Systemen erfolgreich. Wir müssen herausfinden, womit sich die Mannschaft wohlfühlt und womit wir Punkte holen können. Dass wir Punkte brauchen, ist völlig klar. Deshalb müssen wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und gleichzeitig schauen, welche Qualitäten uns der Kader bietet.
Rouven Schröder über:
… die Entscheidung für Alexander Blessin:
Für uns waren die persönlichen Gespräche elementar. Natürlich ging es auch um eine klare Analyse: Wo stehen wir? Jeder hat die Spiele gesehen und analysiert. Für mich war aber vor allem wichtig, im persönlichen Gespräch herauszufinden, welche Vorzüge ein Trainer hat, wie seine Art und Weise ist und wie er unsere Situation beschreibt. Bei Alex habe ich relativ schnell gemerkt, wie intensiv er sich mit Borussia beschäftigt hat. Wo stehen wir gerade? Wo liegen unsere Schwächen? Aber auch: Welche Stärken haben wir, die wir ausbauen können? Es war ein sehr intensiver Nachmittag und Abend. Man hat gespürt, dass der Trainer für seinen Job brennt und auch für die Aufgabe Borussia Mönchengladbach. Ihm war die aktuelle Punktzahl völlig egal. Er wollte anpacken, helfen und hatte eine klare Idee davon, was mit dieser Mannschaft möglich ist. Inhaltlich waren wir deshalb sehr schnell auf einer Wellenlänge.
… Blessin als langfristige Lösung:
Wir haben keinen Feuerwehrmann gesucht. Uns war von Anfang an klar, dass wir einen Trainer wollen, der uns kurz- und mittelfristig weiterbringt. Wir wollten jemanden mit einer klaren Struktur, der weiß, wie er seine Ideen umsetzen möchte. Dazu gehören Klarheit und eine positive Schärfe, gleichzeitig aber auch Empathie. Bei aller Durchsetzungskraft braucht man die Fähigkeit, die Spieler mitzunehmen. Die Mannschaft jetzt komplett schwachzureden, wäre der falsche Ansatz. Alex soll nicht nur kurzfristig einen Impuls setzen. Wir sind überzeugt davon, dass er uns auch mittelfristig weiterentwickeln kann.
… die Verantwortung der Mannschaft:
Auf die Mannschaft ist sehr viel eingeprasselt. Natürlich hat sich niemand gewünscht, dass wir wieder in einer solchen Situation stehen. Aber genau daraus müssen wir jetzt Kraft entwickeln. Wir dürfen nicht ständig sagen: Wir sind ein großer Verein und uns geht es gerade schlecht. Fakt ist: Aktuell läuft es nicht gut. Deshalb haben wir Maßnahmen ergriffen, um etwas zu verändern. Wir sind selbst in der Lage, diese Situation zu verändern. Und wenn wir das schaffen, geht es auch Borussia wieder besser. Jeder einzelne Spieler ist jetzt gefragt. Es gibt eine neue Ansprache und neue Inhalte. Spieler, die zuletzt vielleicht weniger gespielt haben, können sich neu beweisen. Alex kommt mit einem frischen Blick und neuen Gedanken in die Mannschaft. Darauf setzen wir – nicht nur kurzfristig, sondern auch mittelfristig.

